
Israelische Sicherheits- und Rettungskräfte nach dem Einschlag einer iranischen ballistischen Rakete im nordisraelischen Tamra, 15. Juni 2025. Foto: David Cohen/Flash 90
Schutzlos und mundtot – palästinensische Israelis im Krieg
Seit Jahren benachteiligt, fehlt den arabischen Israelis wirksamer Schutz gegen Beschuss. Derweil geht die israelische Polizei massiv gegen Meinungsdelikte vor
Der US-amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran geht unvermindert weiter und das Heulen der Sirenen gehört für palästinensische wie jüdische Israelis zum Alltag. Es bleibt nicht viel Zeit bis zum Einschlag der Raketen oder herabstürzenden Trümmerteile. Die jüdischen Bürger*innen Israels eilen in private oder nahegelegene Schutzräume, während viele palästinensische Israelis sich fragen: Wohin können wir?
Schutzraumanlagen sind ein zentraler Bestandteil von Israels Zivilschutzsystem, insbesondere seit dem 7. Oktober und den weiteren Spannungen mit dem Iran. Seither besteht ein reales Risiko von Raketenbeschuss in beinahe jedem Landesteil. Doch in arabischen Ortschaften – und selbst in den arabischen Vierteln der binationalen Städte – bestehen bis heute beträchtliche Unterschiede zwischen den Schutzanlagen für jüdische und palästinensische Bürger*innen.
Eine neue Studie der Organisationen Sikkuy-Aufoq und Injaz verdeutlicht das Ausmaß dieser Ungleichheit: Von den landesweit 11.775 öffentlichen Luftschutzanlagen liegen nur 37, das sind 0,3 Prozent, in arabischen Ortschaften und von diesen sind acht, mithin knapp 22 Prozent nicht einsatzbereit. Die Oberste Ombudsstelle (Mevaker HaMedina) publizierte 2026 ebenfalls einen Bericht und verwies auf ähnliche Versorgungslücken.
Demnach leben hunderttausende arabische Israelis, die als Minderheit rund 20 Prozent der Bevölkerung stellen, in Ortschaften ohne öffentliche Schutzräume. Sie können daher nur in innenliegenden Räumen, Fluren oder Treppenhäusern Zuflucht suchen – in Räumen also, die wenig Schutz gegen einen direkten Einschlag oder vor Trümmerteilen bieten.
Diese Schutzlosigkeit ist nicht dem Krieg geschuldet, sie ist das Ergebnis von Jahrzehnten diskriminierender Stadtplanung, chronischer Unterfinanzierung und bewusster Politik, welche die arabischen Städte in die staatliche Zivilschutzinfrastruktur nicht mit einbezogen haben.
Die Ungleichheit ist struktureller Natur. Ein Großteil des Wohnraums in palästinensischen Ortschaften wurde vor 1992 errichtet, bevor staatliche Regularien für Neubauten Schutzräume vorschrieben, die auf Hebräisch als „Mamad“ bekannt sind. In den arabischen Städten stellen Raumplanung und Baugenehmigungen effektive Hürden dar, so dass palästinensische Israelis private Schutzräume auch auf eigene Kosten nicht bauen können.
„Diese Zivilschutzlücke ist nicht rein technischer Natur, sie hat mit Raumplanung und Baupolitik zu tun“, erklärt der Ko-Geschäftsführer von Sikkuy-Aufoq, Raghad Jaraisi: „Wenn Baugenehmigungen in arabischen Gemeinden nur begrenzt erteilt werden und Projekte zur Stadterneuerung nicht vorankommen, hat das unmittelbare Auswirkungen darauf, ob die Menschen Schutzräume ein- und anbauen können oder nicht.“
Diese Zivilschutzlücke ist nicht rein technischer Natur, sie hat mit Raumplanung und Baupolitik zu tun“, erklärt der Ko-Geschäftsführer von Sikkuy-Aufoq, Raghad Jaraisi: „Wenn Baugenehmigungen in arabischen Gemeinden nur begrenzt erteilt werden und Projekte zur Stadterneuerung nicht vorankommen, hat das unmittelbare Auswirkungen darauf, ob die Menschen Schutzräume ein- und anbauen können oder nicht."
Insofern geht es nicht nur um unzureichende Quantität, denn Sicherheit ist durch Systeme bedingt, von denen die palästinensischen Bürger*innen Israels lange ausgeschlossen waren: Landzuteilung, Baugenehmigungen, marktgetriebene Entwicklung.
Im letzten Jahr wurden die schwerwiegenden und tödlichen Folgen mangelhafter Schutzvorkehrungen offenbar. Während des israelisch-iranischen Zwölftagekriegs im Juni 2025 traf eine Rakete ein Wohngebäude in der palästinensischen Stadt Tamra und tötete zwei Frauen sowie zwei Mädchen. In den vergangenen Jahren forderten Raketen oder Trümmerteile auch zivile Todesopfer in Madschd Al-Kurum und Schefarʿam.
Ähnliche Vorfälle in anderen Städten verursachten Verletzungen und materielle Schäden. Am 11. März 2026 traf eine Hisbollah-Rakete ein Wohnhaus in der nordisraelischen Ortschaft Bi’ina und verletzte mehrere Menschen. Zwei Tage später verletzte eine iranische Rakete in der Nähe von Zarzir knapp 60 Menschen und verursachte erhebliche Schäden. In der folgenden Nacht gingen Trümmerteile über der beduinischen Stadt Umm Al-Ghanam nieder und setzten ein Fahrzeug in Brand.

Zugleich wird der Alltag palästinensischer Israelis von einer weiteren Krise überschattet: von der Gewalt organisierter Kriminalität. Die Zahl der Morde ist während des Krieges zwar leicht zurückgegangen, doch die Gewalt geht weiter. Seit Beginn der Angriffe auf den Iran fielen ihr mindestens elf Palästinenser*innen zum Opfer.
Für viele Menschen ist die Welle krimineller Gewalt eine größere unmittelbare Bedrohung als der Krieg. Der Krieg indes setzte den Massenprotesten palästinensischer Israelis gegen die organisierte Kriminalität ein Ende, denn Einschränkungen und Sicherheitsrisiken erschweren eine anhaltende Mobilisierung beträchtlich. Zugleich unterdrücken die Behörden weiterhin jede vernehmbare Opposition gegen den Krieg und jedes öffentliche Eintreten für palästinensische Identität.
Real sehen sich die palästinensischen Bürger*innen Israels einer doppelten Bedrohung ausgesetzt: durch die Luftangriffe von außen sowie durch Gewalt und Repression im Innern. Sie sind schutzlos und mundtot gemacht.
Fünf Schutzräume für 3000 Menschen
Die Diskriminierung palästinensischer Israelis ist langjährige Praxis und deren Folgen werden jetzt, wenn es um grundlegende Sicherheit geht, schmerzlich offenbar. Arabische Städte und Ortschaften im ganzen Land verfügen noch immer nicht über ausreichende Luftschutzanlagen – und keine Regierung hat in den letzten Jahren echte Anstrengungen unternommen, diese Versorgungslücke effektiv zu schließen.
In den bi-nationalen Städten (auch sogenannten „gemischten Städten“) wie Lod (oder Lydda), Ramla, Jaffa, Haifa und Akka ist das Gefälle noch ausgeprägter und kann in einzelnen Straßen buchstäblich augenfällig sein. „Auf dem Stadtplan sehen Sie ganz klar, wo es Schutzräume gibt und wo nicht“, erklärt der Menschenrechtsaktivist Ghassan Monayer: „In jüdischen Vierteln gibt es öffentliche Luftschutzanlagen, Schutzräume in den Gebäuden und manchmal auch mobile Bunker. In arabischen Vierteln sieht das ganz anders aus.“
Bisweilen ist diese Ungleichheit historisch und lokal verwurzelt. Einige Viertel in Ramla waren vor 1948 überwiegend von Palästinenser*innen bewohnt, erzählt Monayer. Nach der Nakba gab es einen Zuzug jüdischer Israelis und der Staat baute öffentliche Schutzanlagen. „Später zogen die jüdischen Bewohner in modernere Viertel und die Araber zogen in die älteren nach“, so Monayer weiter: „Es gibt nur sehr wenige Schutzräume und nicht alle sind in gutem Zustand. Für die Bevölkerungszahl sind sie jedenfalls völlig unzureichend.“
Andernorts ist die Lage sogar noch schlimmer: Ganze Stadtteile haben überhaupt keine Schutzanlagen. „In einem Quartier in Lod, wo mehr als 3000 Menschen leben, gibt es nur fünf mobile Bunker“, berichtet Monayer. „In einem anderen gibt es nur einen Schutzraum, die Schule. Doch für eine effektive Reaktion auf den Luftalarm ist die Entfernung zwischen Schule und Wohngebiet viel zu groß.“
Monayer weiter: „Die Verwaltung sagt, die Stadtviertel verfügten über 18 Schutzanlagen. In diese Räume passen etwa 600 Menschen. Da stellt sich natürlich die Frage: Was ist mit dem Rest? Sollen die auf der Straße warten? In Lod und Ramla gibt es einige Häuser mit Metalldächern, die keinen Schutz vor Trümmerteilen bieten, von einer Rakete ganz zu schweigen. Wenn die Sirenen ertönen, wissen die Menschen, dass sie im Grunde keine sichere Zuflucht haben.“
Die Einwohner*innen suchten nach praktischen Lösungen, die aber stießen nach ihren Worten kaum auf Resonanz: „Wir machten der Stadtverwaltung einen einfachen Vorschlag: Wenn die Stadt selbst nicht mehr Schutzräume bauen kann, sollte man die Bevölkerung zur Eigeninitiative ermutigen. Gesetzlich ist es erlaubt, auf dem eigenen Grundstück einen Schutzraum auch ohne Baugenehmigung zu errichten. Viele fürchten aber Geldstrafen und eine Abrissanordnung. Wir hingegen fordern: ‚Erlasst den Leuten einen Teil der Grundsteuer oder schafft andere Anreize, damit sie solche Anlagen bauen.‘“
Besonders akut ist der Mangel an Schutzeinrichtungen in den inoffiziellen Beduinendörfern im Naqab (Negev). Zuletzt kritisierte im Parlament der Knesset-Abgeordnete und Naqab-Einwohner Walid Al-Huwashla von der Vereinigten Arabischen Liste (Raʿam) eine beinahe absolute Vernachlässigung. Demnach gebe es in den offiziell nicht anerkannten Dörfern sowie auch in einzelnen Gebietskörperschaften der Gegend quasi keine Zivilschutzvorkehrungen.
Der Bericht der Ombudsstelle beziffert das Ausmaß der Versorgungslücke: Insgesamt gibt es in den nicht anerkannten Dörfern im Naqab, für rund 165.000 Einwohner*innen, lediglich 64 Schutzräume. Diesen Mangel will die Basisbewegung Standing Together nun mit einer Crowdfunding-Kampagne beheben und konnte erste mobile Schutzräume bereits aufstellen.
Aus dem Nationalkomittee der Spitzen arabischer Kommunalverwaltungen ist zu hören, es habe – abgesehen von der verengten Debatte über die Beduinendörfer – keinen umfassenden Ansatz gegeben, den allgemeinen Mangel an Schutzinfrastruktur in den arabischen Ortschaften zu beheben. Praktisch hat sich der Fokus inzwischen auf den Aufbau freiwilliger Krisenteams für Rettung, Erste Hilfe und psychologische Betreuung verlagert, so dass die Ortschaften im Falle eines Luftangriffs selbstständig reagieren können.
Klar ist damit: Da es an geeigneten Schutzmaßnahmen fehlt, schiebt man die Verantwortung für Sicherheit und Überleben zunehmend auf die Kommunen ab.
Dissens als Delikt
Palästinensische Israelis sind den Artilleriegeschossen, Raketen und Trümmerteilen schutzlos ausgeliefert. Und sie stellen das Gros der israelischen Opposition gegen den Irankrieg, den mehr als 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung unterstützen. Doch in einem Staat, der Dissens immer seltener toleriert, können entsprechende Äußerungen teuer zu stehen kommen.
Wie viele arabische Israelis seit Beginn des Kriegs wegen vermeintlicher Äußerungsdelikte festgenommen oder verhört worden sind, ist nicht bekannt. In den Recherchen zum vorliegenden Artikel ermittelte das +972 Magazine mindestens neun Fälle. Fest steht, immer mehr palästinensische Israelis glauben, dass öffentliche Äußerungen noch nie so gefährlich waren wie heute.
Wenige Tage nachdem Israel und die Vereinigten Staaten ihre Angriffe begonnen hatten, verhaftete die israelische Polizei Majd Asadi, einen palästinensischen Opernsänger und Aktivisten aus der mehrheitlich von Drusen bewohnten, bei Haifa gelegenen Stadt Daliyat al-Karmil. Sein Vergehen? Er hatte in den sozialen Medien den Krieg kritisiert.
In seinem Posting bezeichnete Asadi den Krieg als Teil eines größeren geopolitischen Kampfes, es gehe „um die Kontrolle von Schiffsrouten, um Ressourcen und Öl“. Von Irans Obersten Führer Ali Chamenei hingegen gehe „keine existenzielle Bedrohung“ aus. Asadi schrieb weiter: „Ich sehe Vieles anders als Chamenei, doch zugleich habe ich riesigen Respekt vor seiner kompromisslosen Haltung im Angesicht der imperialen Mächte des Bösen… Man muss Chamenei nicht mögen, um zu erkennen, dass er eine zweifellos historische Figur ist.“
Die Sicherheitskräfte warfen Asadi vor, sich mit einer Terrororganisation gemein zu machen und zum Terrorismus aufzurufen. Nach zwei Tagen wurde er unter Auflagen entlassen. Asadi durfte fünf Tage lang keine Iran-bezogenen Postings absetzen und muss sich für Befragungen zur Verfügung halten.

Diese Festnahme rief bei palästinensischen Aktivist*innen und Prominenten heftige Reaktionen hervor: Viele sahen darin einen ernsten Angriff auf die Redefreiheit. Es gab aber auch andere Reaktionen: Der drusische Stadtratsvorsitzende von Daliyat al-Karmil, Rafik Halabi, kritisierte Asadi scharf und warnte vor der „Aufnahme von Fremden“. Halabi löschte sein Video wieder, nachdem es von palästinensischer Seite als sektiererisch und feige kritisiert worden war. Der Opernsänger teilte inzwischen mit, er habe Halabi kontaktiert und werde ihn für ein klärendes Gespräch bald persönlich treffen.
Auswirkungen hatte Asadis Verhaftung auch auf dessen Familie, seine Mutter wurde bedroht und musste ihre Wohnung zeitweise verlassen. Der Fall sorgte im Internet und auf der Straße für eine heftige öffentliche Debatte, wobei Vorwürfe und Forderungen auch direkt an die Familie adressiert waren.
Die Festnahme Asadis ist nicht die erste dieser Art. Wegen Social-Media-Postings wurden seit dem 7. Oktober dutzende palästinensisch-israelische Bürger*innen verhaftet. Erst vor kurzem kam Abdel Rahim Haj Yahya frei. Der Influencer aus Tayyibe hatte 27 Monate lang im Gefängnis gesessen, weil seine Postings die Hamas unterstützt haben sollen.
Bis zuletzt kommt es immer wieder zu Festnahmen, etwa von Raed Salah am 19. März 2026. Salah ist ein landesweit bekannter palästinensischer Politiker, der früher den inzwischen verbotenen Nördlichen Zweig der Islamischen Bewegung geführt hatte. Verhaftet wurde er bei einem privaten Besuch in ostjerusalemer Viertel Schu’fat. Zwar kam er nach wenigen Stunden wieder frei, doch die Polizei gab in der Öffentlichkeit keine Begründung für die Festnahme ab. Einmal mehr gehen die Sicherheitskräfte offenbar willkürlich gegen palästinensische Israelis vor.
Eine weitere Festnahme ereignete sich am 4. März in der nordisraelischen Stadt Harish: Im Haus einer palästinensischen Lehrerin fand die Polizei zunächst eine palästinensische Flagge. Angefangen hatte alles mit einem einfachen Posting in einem Nachbarschaftsnetzwerk, wo die Frau nach eine*r arabischsprachigen Therapeut*in für ihren Sohn gesucht hatte. Mitglieder des Netzwerkes sahen sich ihr Profil genauer an und fanden ein altes Foto, auf dem sie eine palästinensische Flagge hält – so kam es zur Anzeige.
„Sie haben Informationen über mich gesammelt und vor meinem Haus demonstriert. Irgendwann stellte jemand eine Anzeige gegen mich, [denn] ich sei Terroristin“, berichtet die Lehrerin, die aus Sorge vor weiteren Angriffen anonym bleiben möchte. „Bisher dachte ich, mit solchen Nachstellungen müssten nur Leute rechnen, die politisch sehr aktiv sind“, sagt sie weiter: „Inzwischen reicht da schon ein einfacher Post.“
In Handschellen brachte man sie zum Verhör auf die Wache, wo sie nach eigener Aussage eine palästinensische Flagge mit Füßen treten sollte und vor einer israelischen Flagge fotografiert wurde, bevor man sie spätabends wieder entließ.
In der ersten Märzwoche wurden zudem fünf arabische Israelis festgenommen, sie sollen die palästinensischen Farben auf ein kommunales Gebäude gesprüht haben; noch am selben Tag wurde allesamt wegen Mangels an Beweisen freigelassen. Am 11. März wurde Mohammed Sakallah, Sohn eines Stadtratsmitglieds von Lod, wegen ähnlicher Vorwürfe festgenommen – als dutzende Polizeibeamt*innen dessen Haus stürmten, waren auch der israelische Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, und ein Fernseh-Team vor Ort. Sakallah wurde am Folgetag in den Hausarrest entlassen. Viele palästinensische Einwohner*innen Lods sehen darin eine Machtdemonstration, mit der ihre Community eingeschüchtert und selbst von minimalen politischen Äußerungen abgehalten werden soll.
Für die palästinensischen Israelis könnte diese schärfere Repression auf eine grundlegendere Verschiebung hinweisen. Hassan Jabareen, Direktor der palästinensischen Rechtsberatung „Adalah“ in Haifa, sagt, die zuvor bereits begrenzte Meinungs- und Redefreiheit sei seit Beginn des Gaza-Kriegs im Oktober 2023 weiter eingeschränkt worden. „Bisher begriffen sich die Palästinenser in Israel als Bürger zweiter Klasse, und dieses Bewusstsein war ein Antrieb für den Kampf um Gleichberechtigung“, erklärt Jabareen. „Doch seit Beginn des völkermörderischen Kriegs gegen Gaza erleben viele, dass sie überhaupt nicht mehr wie Bürger behandelt werden. Daher sind die Menschen nun sehr viel vorsichtiger.“
Diese Verschiebung, so der Jurist weiter, sei eng verknüpft mit dem zunehmend aggressiven Vorgehen der Polizei, wie es in Kriegszeiten unter Ben Gvir aktuell zu beobachten ist: „Heute gelten nicht mehr nur arabische Staatsbürger als Feind, sondern alle Regierungsgegner. Praktisch ist damit auch die jüdisch-israelische Linke eine Zielscheibe.“

Nicht die einzige Krise
Zu diesen Festnahmen – darauf verweisen örtliche Aktivist*innen und Journalist*innen wiederholt – kommt es in Zeiten, da arabische Israelis mit einer beispiellosen Welle krimineller Gewalt konfrontiert sind. Anders gesagt: Offenbar befasst sich die Polizei lieber mit Online-Postings als mit Mördern und Mafiosi.
Am 8. März wurde Ahmad Nassar, Bürgermeister der nordisraelischen Stadt Arraba, in einer Bäckerei durch Schüsse ebenso verletzt wie Dr. Anwar Yassi, der Vorsitzende des örtlichen Volkskomitees. Die palästinensische Rechtsanwältin und Gründerin des Zentrums für Mehr Sicherheit in der Arabischen Gesellschaft (Eilaf), Rawyah Handaqlu, betrachtet diese Attacke als gefährlichen Wendepunkt: „Der versuchte Mord am Bürgermeister von Arraba ist eine schwerwiegende Eskalation, unglücklicherweise allerdings kein Einzelfall“, erklärt sie: „Wenn die Kriminalität ein solches Niveau erreicht, bedroht sie nicht mehr nur einzelne Individuen mit dem Tod. Sie schädigt die soziale Substanz und untergräbt sie kommunale Demokratie, denn sie schafft ein Klima der Angst, das geeignet ist, Menschen vom Dienst an der Gemeinschaft und von Verantwortungsaufgaben abzuhalten.“
Am 16. März wurden drei Menschen getötet: In Tira wurde ein Man in den Dreißigern erschossen, ein weiterer starb in Umm al-Fahm und in Ramla wurde ein 20-jähriger Motorradfahrer umgebracht. Drei Mordanschläge an einem Tag. Man muss also davon ausgehen, dass der leichte Rückgang der Gewalt nach Kriegsausbruch bereits wieder Vergangenheit ist.
Zwar lassen sich noch keine endgültigen Schlüsse ziehen, doch Fakt ist, dass an einem einzigen Tag wieder mehrere Menschen ermordet wurden. Und das nährt Sorgen und Ängste, dass der Krieg der organisierten Gewaltkriminalität sogar noch mehr Spielraum verschaffen könnte. Denn die allgemeine Aufmerksamkeit richtet sich auf militärische Fragen und die polizeilichen Ressourcen sind anderweitig gebunden. In diesem Sinne verdrängt der Krieg nicht eine Krise durch eine andere, vielmehr überlagern und verstärken sich nun mehrere Krisen.
Tief besorgt vermuten weite Teile der arabisch-israelischen Gesellschaft, dass der mangelhafte Schutz vor Gewaltkriminalität und vor Luftangriffen keineswegs eine Kostenfrage ist. Nach der Überzeugung Vieler hat der Staat die Mittel und Möglichkeiten, um beide Probleme anzugehen – allein es fehle am politischen Willen. Doch mit der gegenwärtigen israelischen Regierung, wobei sogar Teile der Opposition gegen palästinensische Israelis hetzen, besteht eigentlich keine Hoffnung auf Änderung.
Dieser Artikel erschien zuerst am 19. März 2026 in +972 magazine
Übersetzung von Franck Traps für Gegensatz Translation Collective
Autor:innen
Baker Zoubi ist palästinensischer Bürger Israels und arbeitet als Journalist und Redakteur sowie unter anderem als Übersetzer.
Samah Watad ist palästinensische Investigativjournalistin aus Israel und befasst sich vor allem mit politischen und sozialen Problemen.

