
Israelische Sicherheits- und Rettungskräfte am Ort des Einschlags einer aus dem Iran abgefeuerten ballistischen Rakete, die am 28. Februar 2026 in Tel Aviv Schaden eingeschlagen ist. Foto: Chaim Goldberg/Flash90
Israels Angriff auf Iran: Krieg als Existenzbeweis
Monate nach dem verkündeten „historischen Sieg“ gegen Iran startet Israel gemeinsam mit der USA die nächste Offensive – und mit ihr beginnt erneut das Verstummen der Opposition
Die Sirenen durchbrachen am Samstagmorgen in ganz Israel die Stille. Nicht, um Zivilist:innen in Schutzräume zu treiben, sondern um den Ausbruch des Krieges zu verkünden: fast wie eine Fanfare des Triumphs. Nach über einer Woche nervenaufreibender Ungewissheit – zwischen angespannter Erwartung eines Krieges, der als unvermeidlich präsentiert wurde und der leisen Hoffnung, dass Diplomatie doch noch siegen könnte – war der Krieg nun da.
Offenbar kann man einen Feind auch dann zerstören, nachdem man ihn bereits für besiegt erklärt hat. Erst vor acht Monaten, infolge des Waffenstillstands mit dem Iran, verkündete Premierminister Netanjahu, man habe in den zwölf Tagen der Operation „Rising Lion“ einen historischen Sieg errungen, der „Generationen überdauern wird“.
Wie sich jetzt zeigt, hielt dieser „historische Sieg“ nicht einmal ein Jahr – geschweige denn Generationen.
Diesmal wurde der Angriff mit einem zusätzlichen Ziel begründet: das iranische Volk von der Herrschaft der Ajatollahs zu befreien. Plötzlich gelten iranische Menschenleben also als besonders schützenswert; so sehr, dass man bereit ist, nächtelang in Luftschutzräumen auszuharren – im Wissen, dass auch auf der eigenen Seite mit schweren Verlusten zu rechnen ist.
„Unsere Operation wird die Voraussetzungen dafür schaffen, dass das mutige iranische Volk sein Schicksal selbst in die Hand nimmt“, twitterte Netanjahu kurz nach Beginn des Angriffs. „Die Zeit ist gekommen, dass alle Teile des iranischen Volkes – Perser, Kurden, Aserbaidschaner, Belutschen und Ahwazi – das Joch der Tyrannei abwerfen und ein freies und friedensorientiertes Iran herbeiführen.“
Ausgerechnet jener Mann, der wie kaum ein anderer in Israels Geschichte unermüdlich daran gearbeitet hat, die Bürger:innen gegeneinander aufzuhetzen und Hass zu schüren; gegen den ein internationaler Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorliegt – ausgerechnet er sorgt sich nun um die Einheit des iranischen Volkes und dessen Kampf gegen die Tyrannei? Es wäre fast komisch, stünden nicht so viele Menschenleben auf dem Spiel.
Keine Frage: Das iranische Volk führt einen mutigen Kampf für seine Freiheit. Die internationale Gemeinschaft verfügt über diplomatische und wirtschaftliche Instrumente, um es dabei zu unterstützen – ohne wiederholte Luftangriffe, die kaum Aussicht auf nachhaltige Veränderungen bieten. Den israelisch-amerikanischen Angriff zu bejubeln heißt, sich einer kannibalischen Weltordnung anzuschließen, in der allein Stärke zählt und Moral nach Macht bemessen wird.
Wer diesen Krieg feiert, feiert dieses System: eine Welt, in der die Bullies die Regeln machen. Vorerst mag man erleichtert sein, dass in diesem Szenario der Bully auf der eigenen Seite steht.
Ein vertrauter Chor
Doch die Rhetorik der Solidarität verflüchtigte sich so schnell, wie sie beschworen worden war. Als erste Berichte über zivile Opfer bekannt wurden – insbesondere aus einer Mädchenschule in Minab, wo bei einem mutmaßlich israelischen Luftangriff rund 150 Kinder ums Leben kamen –, erwies sich die vermeintliche Sorge um das iranische Volk als erschreckend oberflächlich.
Erschüttert teilte ich die Videos der Schule auf meiner Facebook-Seite. Ich gestehe: Mit dem Ausmaß an Hass, das daraufhin losbrach, hatte ich nicht gerechnet.
Ich weiß, dass man in Israel kaum mit Empathie auf die Massentötung von Palästinenser:innen rechnen kann; dass die überwältigende Mehrheit der jüdischen Öffentlichkeit in Israel nicht nur nicht trauert, sondern sich offen über die palästinensischen Opfer freut. Aber ich hätte nicht gedacht, dass eine ähnliche Blutgier auch die Bombardierung kleiner Mädchen begleiten würde – zumal so viele Israelis vorlaut betont hatten, nicht das iranische Volk sei unser Feind; sondern das Regime, das sie beherrscht.
Innerhalb weniger Stunden hatten sich unter meinem Facebook-Post Hunderte hasserfüllter Kommentare angesammelt. Die übliche Welle aus Drohungen und Beschimpfungen begann mein Postfach zu fluten. Einige stritten ab, dass sich der Vorfall überhaupt ereignet habe. Andere behaupteten, das iranische Regime die Schule selbst bombardiert.
Nicht weniger deprimierend – und dennoch vorhersehbar – war, wie eifrig sich die jüdischen Oppositionsführer in Israel hinter Netanyahu stellten. „Das Volk Israel ist stark. Die IDF und die Luftwaffe sind stark“, twitterte Yair Lapid. „In Momenten wie diesen stehen wir zusammen – und gewinnen zusammen. Es gibt keine Koalition und keine Opposition; nur ein Volk und eine IDF, hinter der wir alle stehen.“
Selbst Yair Golan, Vorsitzender der Partei „The Democrats“, der als linke Flanke des zionistischen Spektrums gilt, wahrte höfliche Zurückhaltung und sicherte dem Krieg seine volle Unterstützung zu. „Die IDF und die Sicherheitskräfte handeln mit Stärke und Professionalität“, schrieb er. „Sie haben unsere volle Rückendeckung.“
Und auch Naftali Bennett, Netanyahus aussichtsreichster Gegenspieler bei den nächsten Wahlen, befürwortete den Kriegseinsatz. „Das gesamte Volk Israel steht hinter euch, bis die iranische Bedrohung beseitigt ist“, erklärte er.
Für diese drei Männer – Lapid, Golan und Bennett – gibt es angeblich keine dringendere Aufgabe, als Netanjahus kahanistische Regierung abzulösen, die das Land in beispiellose Abgründe geführt hat. Sie wissen, wie gefährlich er ist. Sie wissen, welche Verwüstungen eine weitere Amtszeit anrichten würde.
Doch jetzt, wo der Geruch des Krieges in der Luft liegt, weichen all jene Einsichten einer automatisierten Ehrfurcht vor Israels Kriegsmaschinerie. Es ist, als sie die bloße Vorstellung, dass man einen Krieg einfach ablehnen könnte, kaum denkbar.
Niemand versteht diesen Mechanismus besser als Netanyahu. So prekär seine politische Lage auch sein mag: Er weiß, wie wenig es braucht, um selbst seine erbittertsten Rivalen hinter sich zu vereinen. Der permanente Krieg wird so zu seiner verlässlichsten politischen Strategie. Und er hat gelernt, sie regelmäßig einzusetzen.
Netanyahu ist ein zynischer und gefährlicher Kriegsverbrecher. Dennoch: Kaum ein israelischer Regierungschef versteht die kollektive Psyche der jüdisch-israelischen Gesellschaft so gut wie er. Eine Gesellschaft, die ihren eigenen Puls offenbar nur im Krieg und in der Zerstörung spürt; die, wenn sie nicht angreift und tötet, sich ihrer eigenen Existenz nicht mehr sicher zu sein scheint.
Dieser Artikel wurde ursprünglich am 01.03.2026 bei 972-Magazine veröffentlicht
Autor:in
Orly Noy ist Redakteurin der Nachrichtenseite Local Call, politische Aktivistin und Übersetzerin von Lyrik und Prosa aus dem Farsi.

