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Blick auf einen illegalen Außenposten im Mateh Binyamin Bezirk in der West Bank, am 7. Dezember 2025. Foto: Chaim Goldberg/Flash90

„Groß-Israel“: Von der politischen Ideologie zur territorialen Praxis

Der existierende Anspruch der jüdischen National­bewegung auf alle Gebiete des historischen Palästina wird in Israel zur Regierungspolitik

Am 22. September 1967 erschien in mehreren israelischen Tageszeitungen eine großflächige Anzeige, unterschrieben von führenden Intellektuellen des Landes, darunter der Dichter Natan Altermann, der Vordenker der Kibbuz-Bewegung Moshe Tabenkin und der Schriftsteller S.Y. Agnon. Die Auftraggeber dieser Anzeige, die unter dem Titel „Für das gesamte Land Israel“ stand, nahmen die Euphorie auf, die das Land infolge des bisher größten militärischen Erfolgs – der zur Verdopplung des von Israel kontrollierten Territoriums geführt hatte – in der noch jungen Geschichte des Staates ergriff. Sie schrieben darin: „Das Land Israel befindet sich nun in den Händen des jüdischen Volkes, und so, wie es uns nicht erlaubt ist, auf den Staat Israel zu verzichten, sind wir gleichermaßen verpflichtet, das zu bewahren, was wir durch ihn empfangen haben: das Land Israel.“ Daran schloss ein Appell an die israelische Regierung an, diesen Erfolg langfristig zu bewahren.

Diese Forderungen waren rund drei Monate nach Ende des Krieges vom Juni 1967 keineswegs neu. Vielmehr knüpften sie direkt an die von biblischen Erzählungen inspirierten Bausteine der sogenannten revisionistischen Strömung in der zionistischen Bewegung an, profitierten aber auch von der Befürwortung durch Teile des Linkszionismus. Damit bereitete diese Ideologie den Boden für eine Politik, die sich seit 2018 und beschleunigt seit Oktober 2023 radikalisiert hat.

Groß-Israel oder das „vollkommene Land Israel“?

Sprachlich bietet bereits der Blick auf die Bedeutung des Begriffs im Hebräischen einen Hinweis auf die Anschlussfähigkeit des Konzepts über die radikal-messianischen Kreise hinaus: Während wir im Englischen und im Deutschen etwa über „Greater-Israel“ und „Groß-Israel“ sprechen, wird im Hebräischen wortwörtlich der Begriff „das vollkommene Land Israel“ verwendet. Diese Begriffswahl zeigt, dass es hier um eine vermeintliche „Vervollkommnung“ der Idee geht, die die jüdisch-israelische Gesellschaft, trotz aller Rivalitäten, über Jahrzehnte zusammenhielt.

Darüber hinaus sind die biblischen Begriffe „Judäa und Samaria“ selbst in liberalen Kreisen inzwischen die geläufige Bezeichnung für das besetzte Westjordanland. Was wir seit Amtsantritt der aktuellen israelischen Regierung im Dezember 2022 sehen, ist also „nur“ die beschleunigte Kodifizierung der Groß-Israel-Ideologie in Koalitionsvereinbarungen, Ministerialvorhaben, bürokratischen Maßnahmen sowie gewaltsamer militärischer und para-militärischer Praxis.

Finanzminister Smotrich ruft regelmäßig zur Annexion des gesamten Westjordanlands auf und treibt Projekte voran, die eine nationale Selbstbestimmung der Palästinenser*innen unmöglich machen sollen.

Dabei ist der – bereits seit 1967 vorhandene – Widerspruch zwischen dem von Israel vertretenen sicherheitspolitischen Narrativ, demzufolge ein palästinensischer Staat eine existenzielle Gefahr für Israel bedeute, in den vergangenen Jahren einem offenen Bekenntnis zur Groß-Israel-Ideologie gewichen – und zwar so sehr, dass diese mittlerweile in den Rang einer Regierungsdoktrin aufgestiegen ist.

Der Fokus medialer Berichterstattung liegt derzeit – auch in Beiträgen über die fortschreitende ethnische Säuberung in Teilen des Westjordanlands – auf radikalen, messianischen und gewalttätigen Siedlern und der ihr behilflichen israelischen Armee. Richtig daran ist, dass diese extremen Akteure die Speerspitze einer radikalisierten und der Besatzungs- und Vertreibungspolitik gegenüber gleichgültigen jüdisch-israelischen Gesellschaft bilden. Doch wie und warum ist die Groß-Israel-Ideologie zur offen artikulierten politischen Leitlinie geworden?

Die Militärherrschaft über Palästinenser*innen

Die Besatzung des Westjordanlands und des Gazastreifens vor bald sechzig Jahren kam keineswegs überraschend. Entscheidend war vielmehr zweierlei: zum einen die in großen Teilen der zionistischen Bewegung vorhandene Überzeugung von der eigenen Überlegenheit gegenüber den einheimischen Palästinenser*innen, und zum anderen der seit 1948 vorhandene, parteiübergreifende und auch in hohen Militärebenen vorhandene Wunsch, das Gebiet des Staates Israel auf das gesamte „Groß-Israel“ beziehungsweise historische Palästina auszuweiten.

Während der mit kurzer Unterbrechung von 1948 bis 1963 regierende erste Ministerpräsident, David Ben-Gurion, sich einer weiteren Ausweitung der Staatsgrenzen aus pragmatischen Gründen verweigerte, nahm die Diskussion über konkrete Herrschafts- und Verwaltungstechniken unter seinem Nachfolger Levi Eshkol an Fahrt auf. Die innerhalb des politisch-militärischen Komplexes entwickelten Ideen basierten auf den Erfahrungen der Militärherrschaft über Palästinenser*innen innerhalb Israels seit 1948. Die Methoden dieser Militärherrschaft, die von täglichen Ausgangssperren über Bespitzelung im Bildungssystem bis hin zu tödlichen Massakern reichten, wurden nun auf die Herrschaft im Westjordanland und Gaza ausgedehnt, teilweise sogar von den gleichen Protagonisten im Militär.

Der Krieg von 1967, durch den Israel die militärische Kontrolle über den Gazastreifen von Ägypten und über das Westjordanland von Jordanien übernahm, war insofern kein „Wendepunkt“, sondern ein Katalysator der Groß-Israel-Politik. In den folgenden Jahrzehnten wurde diese Politik der territorialen Erweiterung von allen israelischen Regierungen mitgetragen und, vor allem in der politischen Kommunikation nach innen, zunehmend emphatisch vertreten.

Von der Ideologie zur Regierungspolitik

Im Jahr 2018 verabschiedete das israelische Parlament das sogenannte Nationalstaatsgesetz („Israel: der Nationalstaat des jüdischen Volkes“). Zugleich wurde es zu einem der „Grundgesetze“ im israelischen Rechtssystem erhoben, womit es eine zusätzliche normative Kraft erhielt. Der erste Satz des Gesetzes knüpft an die Forderung der Intellektuellen aus der eingangs zitierte Zeitungsanzeige an: „Der Staat Israel ist die nationale Heimstätte des jüdischen Volkes, in dem es sein natürliches, kulturelles, religiöses und historisches Recht auf Selbstbestimmung verwirklicht. Das Recht auf Ausübung der nationalen Selbstbestimmung im Staat Israel ist ausschließlich dem jüdischen Volk vorbehalten.“

An diesem Gesetz wirkte maßgeblich der heutige Finanzminister und Minister für die administrative Verwaltung des Westjordanlands, Bezalel Smotrich, mit. Smotrich, selbst Siedler, gilt im Parlament als Stratege hinter dem Erfolg der „Groß-Israel-Bewegung“. Ein Jahr zuvor, im September 2017, hatte er, damals bereits Vizepräsident der Knesset, ein Dokument mit dem Titel „Der Entscheidungsplan“ veröffentlicht. Dort unterbreitet er ohne Umschweife seine Vision eines Staates Israel zwischen Mittelmeer und Jordan, die eine Annexion aller bisher von Israel besetzten Gebiete voraussetze. Es brauche das praktische und politische Bewusstsein dafür, „dass es westlich des Jordanflusses nur Raum für eine einzige Form nationaler Selbstbestimmung gibt: die des jüdischen Volkes.“

Ohne eine vertiefte, selbstkritische Auseinandersetzung der bis weit ins liberal-zionistische Lager hinein vorhandenen Vorstellungen jüdischer Überlegenheit lässt sich keine Transformation denken, die auf die Selbstbestimmung beider Völker abzielt

Smotrich ist inzwischen zum Finanzminister aufgestiegen und leitet zugleich im Verteidigungsministerium die Abteilung für die Zivilverwaltung des Westjordanlands. Regelmäßig ruft er zur Annexion des gesamten Westjordanlands auf und treibt aktuell mehrere Projekte voran, die eine nationale Selbstbestimmung der Palästinenser*innen unmöglich machen sollen.

Nachdem im Jahr 2025 laut UN-Sicherheitsrat über 47.000 neue Wohneinheiten im Westjordanland vorangetrieben, genehmigt oder ausgeschrieben wurden, entschied erst kürzlich entschied das israelische Kabinett, das Westjordanland durch das östlich von Jerusalem gelegene Bauprojekt E1 faktisch zu teilen.  Für internationale Kritik sorgten zudem die Entscheidung, palästinensisches Land in israelischen Registern als israelisches Staatsland zu erfassen, und die damit verbundene Möglichkeit für jüdische Israelis, Grundstücke in diesen Gebieten zu erwerben.

Die hier beschriebenen Schritte – im Schatten des Völkermords an den Palästinenser*innen im Gazastreifen in der Folge des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023, begleitet von israelischen Bestrebungen für eine großflächige „freiwillige Aussiedlung“ der verbliebenen Bewohner*innen sowie der aktuellen Militärpräsenz in über der Hälfte des nahezu komplett zerstörten Küstenstreifens – können daher als praktische Umsetzung des in der aktuellen Koalitionsvereinbarung festgehaltenen Grundsatzes interpretiert werden: „Das jüdische Volk hat ein exklusives und unveräußerliches Recht auf alle Teile des Landes Israel […] – Galiläa, Negev, den Golan und Judäa und Samaria.“

Die Überwindung der Überlegenheitsvorstellungen

Was wir in den vergangenen Jahren beobachten konnten, ist die Transformation einer seit jeher, über alle zionistischen politischen Lagergrenzen hinweg, virulenten Vorstellung des Anspruchs der jüdischen Nationalbewegung auf alle Gebiete des historischen Palästinas in aktive Regierungspolitik. Eine gesellschaftliche Erklärung für den Erfolg dieser Ideologie liegt – neben der Skrupellosigkeit ihrer Verfechter*innen in Regierungskreisen und den ihr ideologisch nahestehenden Think-Tanks, Nichtregierungsorganisationen und Aktivist*innen – in der fehlerhaften Wahrnehmung der messianischen Erlösungsvorstellungen durch die sich als liberal verstehende jüdisch-israelische Bevölkerung. Dies hat sich zuletzt auch an den Protestwellen gegen die Regierung und für die Freilassung der israelischen Geiseln gezeigt: Hier wurde ebenfalls die entscheidende Rolle messianischer Siedlungspolitik und der damit verbundenen Dehumanisierung, Vertreibung und Unterdrückung der Palästinenser*innen weitgehend ausgeblendet, für irrrelevant erklärt oder sogar unterstützt.

Fest steht: Ohne eine vertiefte, selbstkritische Auseinandersetzung der bis weit ins liberal-zionistische Lager hinein vorhandenen Vorstellungen jüdischer Überlegenheit lässt sich keine Transformation denken, die auf die Selbstbestimmung beider Völker abzielt. Angesichts der Zerstörungen, des Hasses, des Militarismus und der Gewalt, die die Region seit so vielen Jahren prägen, und der ideologischen Grundlagen der jüdisch-israelischen Gesellschaft wird eine solche Transformation nicht nur von innen kommen können. Vielleicht ist sie erst dann möglich, wenn eine – notwendigerweise nicht perfekte – von außen herbeigeführte politische Lösung die Möglichkeit dazu eröffnet. Mit dem sich aktuell manifestierenden „Friedensrat“ unter Donald Trump sowie einem US-Botschafter in Israel, der offen von biblischen Gebietsansprüchen Israels vom Nil bis zum Euphrat spricht, wird das allerdings ganz gewiss nicht möglich sein.

Dieser Text erschien am zuerst 24.2.2026 in „nd.aktuell“ im Rahmen einer Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Autor:in

Gil Shohat leitet seit März 2023 das Israel-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv.

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