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Mit der deutschsprachigen Webseite des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchten wir mannigfaltige Stimmen des progressiven Israels hörbar machen. Damit soll eine interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit bekommen, Innenansichten hiesiger Verhältnisse und Kämpfe zu erhalten und lokale Akteure kennenzulernen.

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Mahnwache nach dem antisemitischen Anschlag in Halle im Oktober 2019. (Foto: wikimedia, CC-BY SA 4.0)

Mahnwache nach dem antisemitischen Anschlag in Halle im Oktober 2019. (Foto: wikimedia)

Antisemitismus wirksam bekämpfen

Die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus erklärt nicht nur, was antisemitisch ist, sondern auch, was es nicht ist. Das macht die Definition schärfer und genauer als andere, zum Beispiel die der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA).

Amos Goldberg

Seit dem Frühjahr 2020 traf sich eine Gruppe von Wissenschaftler*innen, zumeist Expert*innen auf dem Gebiet der Antisemitismus- und der Holocaustforschung, über mehrere Monate hinweg zu einer Reihe von Online-Seminaren, um eine eingehende und angemessene Definition des heutigen Antisemitismus auszuarbeiten. Ich war einer der Initiator*innen der Gruppe.

Warum?

Das Problem des Antisemitismus ist in Deutschland und weltweit in den letzten Jahren immer akuter geworden. Die meisten Indizes zeigen, dass sich das Phänomen ausbreitet und dass antisemitische Angriffe nun häufiger gewalttätig sind als in der Vergangenheit und sogar tödlich enden. Deshalb muss Antisemitismus wirksam bekämpft werden. Die Instrumente, die uns zur Verfügung stehen, um das Phänomen zu erkennen und zu bekämpfen, scheinen jedoch nicht immer die geeignetsten zu sein. Eines der ungeeignetsten, ja sogar schädlichen Instrumente ist die Arbeitsdefinition der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance) des Antisemitismus. Nach Ansicht vieler jüdischer und nicht-jüdischer Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen auf der Welt ist die IHRA-Definition unklar und richtet großen Schaden an.

Die International Holocaust Remembrance Alliance ist eine internationale Organisation, die sich mit dem Gedenken an den Holocaust befasst. Im Jahr 2016 hat sie eine Arbeitsdefinition des Antisemitismus verabschiedet, die aus zwei Teilen besteht: Zunächst wird eine kurze grundlegende Definition gegeben, die meines Erachtens und nach Meinung vieler anderer sehr umständlich und unklar formuliert ist; und dann folgen elf Beispiele, die klarmachen sollen, welche Arten von Äußerungen oder Handlungen als antisemitisch gelten. Sieben dieser elf Beispiele beziehen sich in der einen oder anderen Weise auf den Staat Israel, was das Missverständnis widerspiegelt, dass der heutige Antisemitismus primär gegen Israel gerichtet sei. Die Ereignisse der vergangenen Jahre in den USA und in Europa (wie zum Beispiel der Terroranschlag auf die Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh 2018 und der antisemitische Angriff auf die Synagoge in Halle 2019) haben jedoch gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Insbesondere gewalttätiger Antisemitismus kommt aus rechtsextremen Kreisen, die mitunter von populistischen Regimen oder mächtigen Teilen des Staatsapparats (wie zum Beispiel Polizei und/oder Geheimdienst) unterstützt werden.

Darüber hinaus hat die IHRA-Definition, ob beabsichtigt oder nicht, noch ein weiteres Problem geschaffen. Aufgrund seiner allgemeinen, vagen und, ich würde sogar sagen, unverantwortlichen Formulierungen ist die IHRA-Definition zu einem mächtigen Instrument geworden, um jede legitime Kritik an Israel und dem Zionismus, auch von Israelis und Juden und Jüdinnen geäußerte, zum Schweigen zu bringen. Tendenziell vermischt und verwechselt die IHRA-Definition eine zwar heftige, aber dennoch legitime politische Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Dies hat großen Schaden angerichtet, sowohl in Bezug auf den Kampf gegen Antisemitismus als auch in Bezug auf die Meinungsfreiheit und die Möglichkeit, eine wirkliche und ehrliche Debatte über die Situation in Israel/Palästina und über mögliche Lösungen für den Konflikt zu führen. Deshalb tun die israelische Regierung und Organisationen, die Israel in der Welt unterstützen, alles in ihrer Macht stehende, um diese Definition zu fördern.

Die Gruppe von Wissenschaftler*innen, die zusammenkam, um eine alternative Definition auszuarbeiten, war bemüht, diese Fehler zu vermeiden. Das Ergebnis ist die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (JDA). Die JDA versteht den Kampf gegen Antisemitismus als Teil eines umfassenden Kampfes gegen Rassismus, Hass und Ausgrenzung und ermöglicht so die Bildung von Allianzen mit anderen Minderheiten. Die JDA sagt nicht nur, was antisemitisch ist, sondern erklärt auch sorgfältig, was nicht antisemitisch ist. Dadurch ist die Definition schärfer und genauer. Zum Abschluss betont sie die Wichtigkeit der Meinungsfreiheit. Die JDA wurde bisher von 210 bekannten Wissenschaftler*innen unterzeichnet, die zu Antisemitismus, Holocaust, jüdischer Geschichte und verwandten Gebieten forschen. Seit der Veröffentlichung der JDA haben sich Dutzende weitere Wissenschaftler*innen gemeldet, die ebenfalls unterschreiben wollen. Die JDA ist nicht als regulatorisches oder semirechtliches Instrument gedacht, sondern soll der Aufklärung und Sensibilisierung dienen. Als einer der Initiator*innen des Projekts und des Teams, das die Definition ausgearbeitet hat, bin ich fest davon überzeugt, dass es das geeignetste Instrument in unserer Toolbox ist, um Antisemitismus zu bekämpfen und unsere demokratischen Grundwerte zu bewahren. Schließlich sind diese beiden Aspekte, und nicht nur einer von ihnen, das, was wir aus der Nazizeit und dem Holocaust lernen müssen.

 

Übersetzt von Ursula Wokoeck Wollin

 

 

Amos Goldberg ist Associate Professor in der Abteilung für jüdische Geschichte und Judentum der Gegenwart an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Mitglied des dortigen Forschungsinstituts für zeitgenössisches Judentum. Von der Schnittstelle zwischen Geschichte, kritischer Theorie und Literatur aus erforscht er den Holocaust und die Erinnerung daran. Seine Forschungen und Veröffentlichungen befassen sich primär mit der jüdischen Kultur- und Literaturgeschichte während des Holocaust, der Erforschung des Traumas, der Geschichtsschreibung über den Holocaust und der Entwicklung der Erinnerung an den Holocaust im globalen Zeitalter. Sein Buch „Trauma in der ersten Person: Tagebücher von Juden und Jüdinnen zur Zeit des Holocaust“, das 2012 auf Hebräisch erschien, wurde von der Egit-Stiftung für Holocaust-Literatur und -Forschung ausgezeichnet.

 

 

Link zur deutschen Fassung der Jerusalemer Erklärung:

 

 

 



RLS Israel 02.05.2021

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