NEWSLETTER BESTELLEN
Über diese Webseite

Mit der deutschsprachigen Webseite des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchten wir mannigfaltige Stimmen des progressiven Israels hörbar machen. Damit soll eine interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit bekommen, Innenansichten hiesiger Verhältnisse und Kämpfe zu erhalten und lokale Akteure kennenzulernen.

Weiterlesen X Schließen
Rawan Bisharat vor der Kirche in Ma’alul, Foto: privat

Rawan Bisharat vor der Kirche in Ma’alul, Foto: privat

Israel & die andauernde Nakba - Interview mit Rawan Bisharat

Auch 70 Jahre nach dem Krieg von 1948 prägt die Nakba das Leben der palästinensischen Bürger*innen Israels. Im Interview berichtet Rawan Bisharat, Leiterin der jüdisch-palästinensischen Organisation Sadaka-Re’ut, über den Einfluss der Fluchterfahrung auf ihre Familie und ihr eigenes Leben.

Hana Amoury
Rawan Bisharat

Rawan Bisharat

 

Wer bist Du? Woher stammst Du?

Ich heiße Rawan Bisharat, bin 35 Jahre alt und stamme aus dem Dorf Ma‘alul. Meine Familie wurde 1948 aus Ma’alul vertrieben und flüchtete von dort nach Nazareth, wo sie sich in einer Kirche versteckte. Mein Vater war damals ungefähr 12 Jahre alt. Es gelang ihnen, Land in Yaffat al-Nassera zu kaufen und dort hinzuziehen. Dort bin ich geboren und aufgewachsen. Heute lebe ich in Jaffa und leite die gemeinnützige Organisation Sadaka-Re’ut – Partnerschaft arabischer und jüdischer Jugendlicher.

 

Wie wirkte sich auf Dich und Deine Familie die Tatsache aus, dass ihr Binnenvertriebene seid?

Wir haben uns die ganze Zeit als Vertriebene beziehungsweise Geflüchtete gefühlt. Das Gefühl war immer präsent. In Yaffat al-Nassera gibt es eine lokale Liste der Geflüchteten aus Ma’alul, die sich an den Kommunalwahlen beteiligt. Nicht alle aus Ma’alul stammenden Menschen unterstützen die Liste. Zum Beispiel hat meine Familie, als sie in der Kommunistischen Partei war, die Liste nicht unterstützt. Aber die Existenz der Liste zeigt, wie präsent die Frage der Binnenvertriebenen ist. Es handelt sich dabei um etwas, das nicht nur im Bewusstsein vorhanden ist, sondern auch in der Realität.

Ich erinnere mich daran, wie ich in der vierten Klasse eine Arbeit über unsere Herkunft schreiben wollte und zu meiner Urgroßmutter mütterlicherseits, Salma, ging, um sie dazu zu befragen. Ihre Reaktion auf meine Fragen war sonderbar. Sie sagte mir: «Geh weg. Das ist keine Arbeit für die Schule». Sie unterstellte mir, ich hätte die Aufgabe bestimmt nicht von der Schule, sondern von den Behörden, genauer gesagt von der nationalen Sozialversicherung erhalten. Auch die Tante meiner Mutter antwortete mir auf die gleiche Weise. Als ich meine Großmutter mütterlicherseits interviewen wollte, hat sie zunächst nicht wirklich mit mir kooperiert. Da war so eine Zweideutigkeit, und das machte mich neugierig. Was ist los? Wer sind wir? Was ist Ma’alul? Warum diese Zweideutigkeit? Was hat das mit der nationalen Sozialversicherung zu tun? Ich werde darauf noch zurückkommen.

Die Präsenz und Bedeutung von Ma’alul in unserem Leben lassen sich anhand einer Reihe von Erinnerungen aus meiner Jugend und Gesprächen mit meinen Großmüttern aufzeigen. An jedem freien Tag, an dem das Wetter schön war, sind wir nach Ma’alul gegangen, um zu grillen. Dort haben uns unsere Eltern erzählt, dass hier ein Fußballplatz war, dort das Haus von dem, und da das. Sie erzählten uns, an was sie sich durch ihre Eltern erinnerten.

Wenn meine Großmutter von Ma’alul erzählte, sprach sie hauptsächlich über die Menschen im Dorf und deren Verbundenheit. Eines der zentralen Elemente, die Ma’alul vor 1948 auszeichneten, zumindest den Erzählungen nach, war die starke gesellschaftliche Gemeinschaft. Zum Beispiel gab es den in Yaffat al-Nassera vorhandenen Rassismus zwischen Muslim*innen und Christ*innen in Ma’alul nicht. Dort waren die Beziehungen zwischen Muslim*innen und Christ*innen sehr gut. Ich erinnere mich daran, dass ich mit meiner Mutter in ein Krankenhaus ging, als ich in der 11. Klasse war. Dort traf sie jemanden, den ich nicht kannte. Sie sagte mir: «Das ist der Sohn meiner Tante Fatma.» Und ich dachte mir, wie kann meine Mutter eine «Tante Fatma» haben, Fatma ist ein muslimischer Name[1]. Dann hat uns meine Mutter erklärt, dass Großmutter Salma Tante Fatma, die Tochter der Nachbarn, gestillt hat, und so war Fatma für sie wie eine Tochter[2]. Diese Geschichten über die ganz besondere gesellschaftliche Verbundenheit der Menschen in Ma’alul, die sich so sehr von der Situation in Yaffat al-Nassera unterscheidet, hat mir immer das Gefühl gegeben, dass wir etwas Besonderes sind.

Meine Großmutter hat diese Verbundenheit wirklich sehr vermisst. Bis sie an Alzheimer erkrankte, war dies fast das Einzige, was sie von Ma’alul erzählte. Sie hat niemals über die Nakba oder über die Vertreibung gesprochen, sondern nur über das Leben davor. Wir haben zum Beispiel ein Video, in dem wir die Großmutter filmten, als sie darüber sprach, dass einst alle, einschließlich der Frauen, wussten, wie Weizen geerntet wird, aber ihre Kinder heute dies nicht länger wissen. Während der Nakba nahm sie einige ihrer Tiere aus Ma’alul mit, hauptsächlich ein paar Ziegen. Ich erinnere mich daran, dass wir eine Woche getrauert haben, als eine Ziege meiner Großmutter gestorben ist. Die Ziege war ihre Verbindung zu Ma’alul. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass sie die ganze Zeit über den gesellschaftlichen Zusammenhang sprach, darüber, wie Hochzeiten und Feiertage gemeinsam gefeiert wurden und wie viel Solidarität und Verbundenheit es unter ihnen gab – viele schöne Geschichten über zwischenmenschliche Beziehungen, die einfach zerbrachen und verschwanden.

 

Warum haben sich diese Beziehungen in Yaffat al-Nassera nicht gehalten? Es ist doch ein nahe gelegenes und ähnliches Dorf, in dem viele Familien aus Ma’alul leben.

Weil sie zerbrachen. Die Menschen wurden gebrochen, die Dorfgemeinde wurde zerstört. Das war ein sehr großer Bruch. Sie wurden zerstreut, jeder ging an einen anderen Ort. Einige gingen nach Nazareth, und dort versteckten sich einige in der Kirche, während andere in Häusern unterkamen. Viele Familien flohen auf einen Berg, der später Berg Ma’alul genannt wurde, weil dort vor allem Familien leben, die aus Ma’alul vertrieben wurden. Meine Familie ging zunächst nach Nazareth und danach nach Yaffat al-Nassera.

Jedoch gab es immer etwas, worüber nicht gesprochen wurde. Nachdem meine Großmutter an Alzheimer erkrankte, begann sie, über die Vertreibung aus Ma’alul zu sprechen und die Jüdinnen und Juden, die sie aus Ma’alul vertrieben hatten, zu verfluchen. Vor der Krankheit habe ich sie niemals die Juden erwähnen gehört.

 

Osterfeier in Ma’alul, Foto: privat

Osterfeier in Ma’alul, Foto: privat

 

Wie wurde Deine Familie in dem Dorf, das nicht ihr Dorf war, aufgenommen?

Die Bewohner*innen von Yaffat al-Nassera haben die Geflüchteten nicht aufgenommen. Das heißt, sie haben sie aufgenommen, wir leben ja dort, aber nicht ganz. Zum Beispiel war seit 1948 bis heute kein Geflüchteter aus Ma’alul (oder einem anderen Dorf) je Vorsitzender des Gemeinderats. Die Vorsitzenden des Gemeinderats gehörten immer zu Familien, die ursprünglich in Yaffat al-Nassera gelebt haben. Dies war 70 Jahre lang so, obwohl die Geflüchteten aus Ma’alul einen sehr großen Teil der Dorfbewohner*innen ausmachen. Wir haben keine Möglichkeit, Machtpositionen einzunehmen. Wir sind trotzdem in die Politik involviert, aber müssen immer hinter den Kulissen bleiben. Ich bin mir sicher, dass, wenn wir in Ma’alul wären, meine Familie heute in einer anderen Stellung wäre, was die Machtpositionen angeht. In meiner Familie gibt es Menschen, die politisch sehr aktiv sind, sich durch ihre politische Analyse und Kritik hervortun und auch praktisch als Berater*innen in verschiedenen Parteien und Listen fungieren – aber sie bleiben Berater*innen und treten niemals ins Rampenlicht.

Eine weitere Facette unseres Daseins als Geflüchtete ist die Tatsache, dass die Kinder der Familien aus Ma’alul alle studiert haben, weil dies ihre einzige Möglichkeit war, zu bleiben. Die wirtschaftliche Situation der ursprünglichen Bewohner*innen von Yaffat al-Nassera, die ihr Land und ihren Besitz nicht verloren hatten, war besser als die der Geflüchteten. Sie hatten Geschäfte in der Hauptstraße und dadurch Einnahmen. Sie brauchten keine Ausbildung. Aus wirtschaftlicher Sicht war es kein Gewinn, eine Geflüchtete zu sein, aber in Bezug auf Bildung und in gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht war unsere Situation sehr viel besser.

Binnenvertriebene genießen auch ein gewisses Prestige, einen speziellen sozialen Status in der Ortschaft. Es ist, als ob gesagt würde: Alle Achtung! Obwohl Ihr von Eurem Land vertrieben wurdet, habt Ihr durchgehalten und es geschafft, hier zu bleiben. Und dann habt Ihr Euch aufgemacht zu lernen, und nun habt Ihr auch wirtschaftlich Erfolg. Darin liegt eine gewisse Ehre und diese Anerkennung erfüllt uns mit Stolz. Wir können stolz darauf sein, aus Ma’alul zu stammen und Binnenvertriebene zu sein. Wenn ich Menschen begegne und sie meinen Familiennamen hören, ist das erste, was sie über mich denken, dass ich aus Ma’alul stamme, und das verschafft mir sofort Anerkennung.

 

Was sagt Dir der Begriff «weiter andauernde Nakba»?

Die Frage «Warum sind wir nicht zurückgekehrt?» hat mich immer sehr beschäftigt. Aber wenn ich an die «weiter andauernde Nakba» denke, denke ich nicht primär an das Recht, nach Ma’alul zurückzukehren, das uns bis heute verweigert wird, sondern an den großen Zusammenhang: die gegenwärtig stattfindenden Landenteignungen, die «Judaisierung» des Negev und Galiläas [siehe Glossareintrag], die jetzige Vertreibung – das ist die «weiter andauernde Nakba» für mich. Die Regierungspolitik, die arabische Ortschaften stranguliert und aktiv an ihrer Weiterentwicklung hindert, gehört meines Erachtens zur «weiter andauernden Nakba». Zum Beispiel gibt es in Yaffat al-Nassera einen Fußballplatz, für den Gemeindesteuern an die benachbarte jüdische Ortschaft Migdal HaEmek gezahlt werden müssen. Und in der arabisch-palästinensischen Stadt Nazareth gibt es ein Altenheim, das in der Stadt steht und den Bewohner*innen der Stadt dient, aber die Gemeindesteuern müssen an den benachbarten überwiegend jüdischen Ort Ober-Nazareth abgeführt werden. So entgehen den arabisch-palästinensischen Gemeinden große Summen, die ihnen dann fehlen. Die Verhinderung des Ausbaus arabischer Ortschaften ist eine anhaltende Katastrophe. Dass Hunderte von arabischen Kindern in Nazareth-Illit leben, deren Eltern die Gemeindesteuern dort zahlen, es aber für sie dort keine arabische Schule gibt, ist auch ein Teil der «weiter andauernden Nakba». Ebenso, dass junge Paare heute keine Wohnung finden können. Sieh Dir jede beliebige arabische Ortschaft an und vergleiche sie mit der benachbarten jüdischen. Allein schon an den ganz offensichtlichen Unterschieden erkennst Du die «weiter andauernde Nakba».

 

Was soll aus Euch, den Binnenvertriebenen, werden? Was wäre für Dich eine gerechte Lösung?

Mein Lebensmittelpunkt liegt im jüdisch-arabisch gemischten Jaffa, das als Teil Tel Avivs eingemeindet wurde, und ich bin mir nicht sicher, ob ich an einen anderen Ort ziehen möchte. Trotzdem müssen Menschen, die aus ihren Dörfern geflüchtet sind oder vertrieben wurden, das Recht haben, in eben diese Dörfer wieder zurückzukehren. Der Krieg endete vor 70 Jahren. Nicht alle palästinensischen Geflüchteten, die über die ganze Welt verstreut sind, wollen an den Ort zurückkehren, aus dem sie vertrieben wurden. Aber alle wollen Gerechtigkeit und das bedeutet, dass ihnen die Möglichkeit gegeben werden sollte, zu wählen: eine Entschädigung zu erhalten oder in ihr Land zurückzukehren oder wenigstens dazu berechtigt zu sein, zu kommen und das Land, das ihnen einst gehörte, zu besuchen.

Weil meine Familie ihren Besitz verloren hat, habe ich bis heute kein eigenes Zuhause. Ich fordere nicht unbedingt genau das Stück Land, das meine Familie verloren hat, aber ich will ein Stück Land. Ich fordere eine Entschädigung, die dem Wert dessen, was ich verloren habe, entspricht.

 

Die meisten Israelis, vielleicht auch die meisten Menschen auf der Welt, werden Dir entgegenhalten, dass Konflikte durch Kompromisse gelöst werden. Glaubst Du angesichts Deines Verständnisses der israelischen Realität und der israelischen Gesellschaft immer noch daran, dass die Rückkehr stattfinden muss? Gibt es für Dich einen Unterschied zwischen der Rückkehr der Binnenvertriebenen, die israelische Staatsbürger*innen sind, und der palästinensischen Geflüchteten weltweit?

Es wäre die Rückkehr aller Geflüchteten. Gerechtigkeit ist nur gerecht, wenn sie für alle gilt. Ich bin nicht bereit, eine Situation zu akzeptieren, in der die israelische Regierung den Binnenvertriebenen etwas anbietet, was sie den anderen palästinensischen Geflüchteten nicht bereit ist, zu geben.

Der Kompromiss, zu dem ich bereit bin, beträfe die Art des Angebots und die praktische Umsetzung. Wie ich schon sagte, es kann sich dabei um eine gleichwertige Entschädigung handeln oder um eine wirkliche Rückkehr auf das ehemalige eigene Land; es kann auch das Recht sein, die alte Heimat zu besuchen, ein Recht, das allen Geflüchteten – mit Ausnahme derjenigen, die zu israelischen Staatsbürger*innen wurden – bisher verweigert wurde. Es ist mir klar, dass nicht alle Geflüchteten zurückkehren wollen, ebenso wie auch ich jetzt nicht in unser altes Dorf umziehen wollte, weil mein Leben hier in Jaffa ist. Aber die Menschen müssen das Recht haben, zu wählen und selbst zu entscheiden.

 

Was machst Du, um darauf hinzuarbeiten?

Meines Erachtens findet die aktuell wichtigste Aktivität bezogen auf Ma’alul an Ostern statt. Schon 14 Jahre lang kommen alle Menschen aus Ma’alul am zweiten Ostertag zu der Kirche im Dorf, in der eine religiöse und eine gesellschaftliche Zeremonie stattfindet und sich alle Familien treffen, alle von den noch lebenden Alten, die die Nakba erlebt haben, bis hin zu ihren Urenkel*innen. Wichtig ist auch das Sommerlager für Jugendliche, das jeden Sommer in Iqrit, einem anderen Dorf, das im Krieg von 1948 zerstört wurde und deren Bevölkerung Binnenflüchtlinge wurden, organisiert wird. Es ist ein ganz normales Sommerlager, das Besondere aber ist, dass es für die Kinder der ehemaligen Bewohner*innen von Iqrit auf dem Land und Grund und in den Ruinen des Orts stattfindet. Es handelt sich hierbei schon um die vierte Generation. Dies sind zwei Beispiele für Aktivitäten, die mit der Nakba verbunden sind, sich aber nicht mit dem Schmerz und den schmerzhaften Erinnerungen beschäftigen. Diese Aktivitäten bieten einen Rahmen für Freude und Gemeinschaft. Unsere Geschichte hat nicht 1948 angefangen. Wir haben eine gute Ausgangsposition, von der aus wir unsere Ortschaft zu neuem Leben erwecken können.

Vor ein paar Jahren beteiligte ich mich an einer Gruppe, die versuchte, praktisch zu planen, wie die Rückkehr nach Ma’alul aussehen könnte. 1948 verließen ungefähr 800 Menschen Ma’alul, heute sind wir schon 7.000. Wir haben versucht, uns ganz konkret zu überlegen, wie das Dorf aussehen müsste, um all seinen Bewohner*innen dienlich zu sein. Es macht einen Unterschied, ob man über das Recht auf Rückkehr in abstrakter Form spricht oder über die praktischen Details der Rückkehr. Das führt zu einem Umdenken der Menschen. Zum Beispiel sagte mir einer meiner Onkel in der Vergangenheit: «Lass das doch, wir werden nicht zurückkehren. Wenn es möglich wäre, wären wir schon längst zurückgekehrt.» Aber wenn Du Menschen einen konkreten praktischen Plan vorlegen kannst, wie die Rückkehr aussehen kann, dann ändert das wirklich etwas in ihrem Bewusstsein. Sie verstehen, dass es möglich ist, dass es funktionieren kann.

Aber meines Erachtens kann die zweite Generation das nicht machen. Diese Generation hat verloren, sie ist eine geschlagenen Generation. Die Militärregierung [siehe Glossareintrag] hat sie kleingekriegt, und dieser Defätismus begleitet sie ihr ganzes Leben. Sie können ihre Wunschvorstellung nicht verwirklichen. Die dritte Generation, zu der ich gehöre, wird es vielleicht schaffen. Jedoch ist mir klar, dass ich dazu in Yaffet al-Nassera, in der Nähe von Ma’alul sein müsste, um in diesem Kampf etwas zu bewegen. Aber ich bin nicht dort.

 

Trotz seiner Wichtigkeit scheint es nur wenige Menschen zu geben, die diesen Kampf führen, ihn zu ihrem Hauptanliegen machen. Zum Beispiel kämpfen die Menschen im Negev sowohl mit Gerichtsverfahren als auch mit öffentlichen Kampagnen um ihren Anspruch auf Land, das der Staat nicht anerkennt. In Jaffa kämpfen Menschen sowohl auf dem Rechtsweg als auch mit Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit seit Jahren gegen Zwangsräumungen und die Abrisse ihrer Häuser. Organisieren Binnenvertriebene ähnliche Kampagnen?

Es gibt keine praktischen Strategien in diesem Kampf, weder gegenüber dem Staat noch in anderer Hinsicht. Der Grund ist meines Erachtens die Tatsache, dass die zweite Generation ihre Niederlage akzeptiert hat. Wenn ich meinen Vater bitten würde, mir die Grundbuchauszüge unseres Landbesitzes zu geben, um damit etwas zu unternehmen, würde er sie mir nicht geben, weil er nicht glaubt, dass es funktionieren könnte. Der Kampf der Binnenvertriebenen ist heute hauptsächlich nostalgisch, ohne eine Handlungsstrategie, die auf Veränderung ausgerichtet ist. Auch meine Generation akzeptiert in gewissem Sinne die Tatsache, dass sie nicht zurückkehren wird. Die Rückkehr ist eine Idee, mit der sie zuweilen spielen. Wir entwickeln einen konkreten Plan für die Rückkehr, wir organisieren Aktivitäten an Ostern. Aber es werden keine praktischen Schritte zur Verwirklichung ergriffen.

 

Warum ist das so?

Der Alltag frisst uns auf. Die «weiter andauernde Nakba», über die wir schon gesprochen haben, frisst unsere Zeit und unsere Kräfte auf. Wir kämpfen darum, zu «bleiben», darum, zu überleben. Zu Beginn des Interviews erzählte ich, dass meine Urgroßmutter dachte, ich käme im Auftrag der nationalen Sozialversicherung zu ihr. Was meinte sie damit? Sie befürchtete, sie könne ihre gesetzliche Rente verlieren, wenn sie über die Nakba spricht, und deshalb wollte sie damals nicht mit mir darüber reden. Sie war davon überzeugt, dass dieser Zusammenhang besteht. Sie wollte überleben und machte deshalb das dafür Erforderliche: Sie klammerte sich an das jetzige Leben und an das Heute.

 

 

Das Interview führte Hana Amoury

 

Übersetzt von Ursula Wokoeck Wollin

 

 

Weiterführende Links

 

 

Anmerkungen

[1] während Rawan Bisharat und ihre Familie Christ*innen sind.

[2] In der arabischen Kultur gelten Menschen, die in ihrer Kindheit von derselben Frau gestillt wurden, in jeder Hinsicht als Geschwister und so dürfen sie zum Beispiel einander nicht heiraten.

 

Download PDF



RLS Israel 24.08.2018

NEWSLETTER BESTELLEN