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Mit der deutschsprachigen Webseite des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchten wir mannigfaltige Stimmen des progressiven Israels hörbar machen. Damit soll eine interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit bekommen, Innenansichten hiesiger Verhältnisse und Kämpfe zu erhalten und lokale Akteure kennenzulernen.

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Khenin im Film „Genosse Dov“, Foto: Barak Heymann

„Es kann sein, dass wir verlieren, aber es lohnt sich zu kämpfen“ – Dov Khenin

12 Jahre lang begleitete Dokumentarfilmer Barak Heymann die linke Symbolfigur Dov Khenin von der sozialistischen Chadasch/al-Dschabha. Das Ergebnis ist der Film Genosse Dov, dessen Premiere in Israel mit Khenins Abschied von der Knesset zusammenfällt.

Netta Ahituv

Zunächst eine überraschende Erkenntnis: Dov Khenin regt sich leicht auf und weint oft vor Aufregung. Das entspricht dem öffentlichen Bild von einem stets reflektierten, rationalen Menschen, der nicht zur Sentimentalität neigt, kaum. Aber in „Genosse Dov“, dem neuen Dokumentarfilm über den ausscheidenden Knesset-Abgeordneten, entdecken die Zuschauer*innen, dass das nicht stimmt.

In diesem schönen, persönlichen, bewegenden und unterhaltsamen Film sehen wir Khenin zwei Mal weinend. Das eine Mal, nachdem es ihm nicht gelungen ist, die Zwangsräumung der [jüdischen] Bewohner*innen von Givat Amal, einem auf den Ruinen des palästinensischen Dorfs al-Dschammasin errichteten Viertels von Tel Aviv, zu verhindern. Diese Leute hatte der Staat nach dem Krieg von 1948 dort angesiedelt, um die Rückkehr der während des Kriegs vertriebenen oder geflüchteten Palästinenser*innen unmöglich zu machen. Jetzt, nachdem die Grundstückspreise in dem Gebiet in attraktive Höhen gestiegen sind, werden sie aus ihren Häusern zwangsgeräumt. Khenin ist darüber sehr traurig. Während der Zwangsräumung rief eine Bewohnerin den Polizist*innen zu: „Sind wir etwa Araber?“ – Dieser Satz schmerzt Khenin, was aber sein Mitgefühl für diese Frau nicht mindert, die aus ihrem Haus geworfen wird. Seine Tränen sind echt und zeigen noch etwas über Khenin: Er hält sich wirklich an den moralischen Imperativ, den er sich auferlegt hat und den er im Verlauf des Films äußert: „Ein Unrecht wird nicht dadurch wiedergutgemacht, dass neues Unrecht begangen wird.“

 

 

Der Film des Dokumentarfilmers Barak Heymann („Dancing Alfonso“, „Bridge Over The Wadi“, „Who’s Gonna Love Me Now“) ist in Zusammenarbeit mit dem Kameramann und Regisseur Uri Levi und der Cutterin Nili Feller („Waltz with Bashir“, „Paradise“, „The Museum“) entstanden. Die Uraufführung fand im Rahmen des offiziellen Wettbewerbs des Tel Aviver Dokumentarfilmfestivals Docaviv statt; gegenwärtig läuft der Film in den israelischen Kinos.

Ein zweites Mal sehen die Zuschauer*innen Khenin während eines Treffens im Januar 2019 weinen, als er sich nach zwölf Jahren als Knesset-Abgeordneter von seinen arabischen Partner*innen in der Fraktion der Gemeinsamen Liste[1] verabschiedet. Kurz bevor er sein Büro räumt, sagt er seinen Parteifreund*innen, er habe schon immer an die jüdisch-arabische Partnerschaft geglaubt. Er dankt ihnen dafür, dass sie ihm die Gelegenheit gegeben haben, eine solche Partnerschaft zu verwirklichen, zumal in solch schwierigen Zeiten des Rassismus, überschattet von der Verabschiedung des „Nationalstaats-Gesetzes“[2]. Er spricht mit gebrochener Stimme und Tränen treten in seine Augen. Die Knesset-Abgeordneten skandieren voller Zuneigung „Dov, Dov, Dov“. Sie kennen seine Sentimentalität offensichtlich schon und danken ihm ihrerseits, dass er ihnen die Gelegenheit zur Partnerschaft gegeben hat.

Partnerschaft ist überhaupt der Schlüsselbegriff in Khenins Leben. Er arbeitet mit allen zusammen, die die Dinge so sehen wie er, und sei es auch nur in winzigen Teilbereichen einer Idee. Er kann auch mit seinen erbittertsten politischen Feinden herzlich, leidenschaftlich und respektvoll zusammenarbeiten. Dies ist einer der Gründe, warum er im den letzten zehn Jahren der aktivste ‚Gesetzgeber‘ in der Knesset war, obwohl er zur Opposition gehörte. Er hat mehr als 100 Gesetzentwürfe eingebracht und alle wurden verabschiedet – dank einer Kooperation, die von außen betrachtet überraschen mag. So ist es Khenin durch Zusammenarbeit mit Abgeordneten aller Parteien zum Beispiel gelungen, den Mindestlohn auf 30 Schekel (zirka 7,30 Euro) pro Stunde anzuheben. Ebenso schaffte er es, das Gesetz der Haftung des Verursachers (von Umweltverschmutzung), das zur Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs, das zur Transparenz der Sportvereine und -verbände und viele andere Gesetze durchzubringen, die sozial und humanitär sind, die die Umwelt schützen und die Frauenrechte stärken. All diese Gesetze hat er zusammen mit Knesset-Abgeordneten eingebracht, die an jedem anderen Tag gern mit diesem dünnen, für Israel etwas ungewöhnlichen Mann mit Brille gestritten hätten.

 

Dov Khenin in Tel Aviv. Foto: Meged Gozani

Dov Khenin in Tel Aviv. Foto: Meged Gozani

 

 

Zur Person

Dov Khenin (61) ist im Zentrum von Tel Aviv als Kind rebellischer Eltern aufgewachsen. Beide Elternteile kamen aus streng religiösen Familien, haben sich aber säkularisiert. Seine Mutter hat darüber hinaus trotz des entschiedenen Widerstands ihres Vaters eine Ausbildung gemacht.

 

Denkst du mitunter daran, wie stolz deine Eltern darauf waren, dass du Knesset-Abgeordneter bist?

(Er schweigt und seine Augen füllen sich mit Tränen, dann antwortet er leise:) „Ich denke, dass sie stolz waren. Viele Jahre lang arbeitete meine Mutter als Kindergärtnerin im HaTikwa-Viertel, einem Armenviertel im Süden von Tel Aviv. Ihre Begegnung mit den Menschen in dem Viertel war faszinierend und für mich eine erstklassige politische Schule. Das war politisch ein ausgesprochen rechter Stadtteil, noch lange bevor der Likud im Jahr 1977 die Regierung übernahm. Und meine linke Mutter war dort eine außergewöhnlich beliebte Frau. Auch heute noch treffe ich Menschen aus dem gesamten politischen Spektrum, die sich voller Wohlwollen daran erinnern, bei ihr als Kinder im Kindergarten gewesen zu sein.“

 

 „Meine Eltern waren stolz auf mich“. Dov Khenin im Israel-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung, 2019. Foto: Meged Gozani

„Meine Eltern waren stolz auf mich“. Dov Khenin im Israel-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung, 2019. Foto: Meged Gozani

 

In dem Film gibt es eine erstaunliche Archivaufnahme von Dir als Jugendlichem, in der du an einem vom israelischen Fernsehen veranstalteten Quiz zur Geschichte des Jischuw in Palästina teilnimmst und den Moderator durch dein Wissen verblüffst. Wie hat dich deine Umgebung als eher ungewöhnliches Kind aufgenommen?

„Ich war ein begabtes Kind, das es genoss, mit den Lehrer*innen zu streiten. Aber ich habe meinen Freund*innen, wenn sie in Schwierigkeiten waren, immer geholfen und war beliebt, weil es für die anderen gut war, jemanden wie mich in ihrem Umfeld zu haben. Ich war wild und anarchisch, aber zwei Pädagoginnen haben sich meiner angenommen und mir Disziplin beigebracht. Eine meiner Lehrerinnen in der Mittelstufe gehörte zum zionistisch-revisionistischen politischen Lager und ließ uns Teile der Bibel sowie alle Gedichte von Zeev Jabotinsky auswendig lernen. Nachdem ich in die Knesset gewählt worden war, hatte ich zusammen mit dem Parteivorsitzenden von Chadasch, Mohammad Barakeh, ein Treffen mit Benjamin Netanjahu und Gideon Sa’ar vom Likud, die damals in der Opposition waren, um über den zunehmenden Rassismus und die Maßnahmen, die die Opposition dagegen ergreifen kann, zu reden. Während der Zusammenkunft kam es zu einem Wettstreit, wer von uns mehr Gedichte von Jabotinsky auswendig kann. Sagen wir, der Likud hat gegen Barakeh und mich verloren.“

Dov Khenin in der Knesset. „Die Klimakrise ist eine viel größere Herausforderung als jeder nationalen Konflikt“. Foto: Ella Yedaya

Dov Khenin in der Knesset. „Die Klimakrise ist eine viel größere Herausforderung als jeder nationalen Konflikt“. Foto: Ella Yedaya

Dov Khenin ist mit Yael verheiratet. Die beiden haben drei Söhne im Alter von 24, 29 und 33 Jahren sowie eine acht Monate alte Enkelin. Sie leben in einer Wohnung im Zentrum von Tel Aviv und führen ein bescheidenes, umweltbewusstes Leben. Khenin fährt oft Fahrrad und benutzt öffentliche Verkehrsmittel. In einer der amüsanten Szenen im Film steigt er in einen Bus und zeigt dem Fahrer einen Ausweis. Der Fahrer fragt ihn: „Was ist das für ein Ausweis?“ Khenin antwortet: „Der eines Knesset-Abgeordneten.“ Es ist offensichtlich, dass weder die anderen Fahrgäste noch der Busfahrer ihn erkennen oder davon beeindruckt sind, dass ein Knesset-Abgeordneter mit ihnen in einem öffentlichen Verkehrsmittel fährt.

Auch die Eröffnungsszene des Films zeigt Khenins bevorzugtes Transportmittel. Er fährt auf einem Fahrrad durch die Straßen von Tel Aviv, während im Hintergrund Stimmen von verschiedenen Menschen zu hören sind, die sich abfällig über ihn äußern: „Er hat Illusionen“, „er hat sich aus einem Juden in einen halben Araber verwandelt“, „Kommunist“ und vieles mehr.

Solche Äußerungen sind das eine; das andere sind die herzlichen Lobreden, die Khenin seit seinem Ausscheiden aus der Knesset im letzten Monat bei Dutzenden von Abschiedsveranstaltungen gehört hat. Von allen erntete er für seine Arbeit Lob und Dankbarkeit. Khenin war über diese Flut von Anerkennung erstaunt. „Meine Erfahrung in der Knesset war, dass niemand wusste, was ich dort mache. Ich habe das, was ich getan habe, mit großer Hingabe gemacht, aber ich hatte das Gefühl, dass niemand wirklich weiß, welche Gesetze ich durchbringe und bei welchen es mir gelungen ist, sie aufzuhalten. Deswegen bin ich von dem Ausmaß der Herzlichkeit, die mir in der letzten Zeit von unterschiedlichen Seiten entgegengebracht wurde, gerührt, so sehr, dass ich es kaum fassen kann. Es war, als wäre ich auf meiner eigenen Beerdigung, und das viele Male. Ich musste mir selbst sagen, dass ich noch lebe.“

 

Warum bist du aus der Knesset ausgeschieden?

„Viele fragen mich, ob ich aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden bin. Darauf ist die Antwort: Alles ist in Ordnung, ich bin gesund. Es ist nicht so, dass ich mich erschöpft fühle oder von der Politik resigniert die Hände hebe. Die Knesset ist eine äußerst wichtige Arena, in der gute Leute gebraucht werden, die dort hingehen, um zu kämpfen. Vielen Menschen kann mit den Mitteln, die die Knesset zur Verfügung stellt, geholfen werden. Es mag übertrieben klingen, aber ich habe Hunderte von Menschen vor Augen, die ich namentlich und persönlich kenne und von denen ich weiß, dass ihr Leben weniger gut wäre, wenn ich nicht in der Knesset gewesen wäre. Weißt du, was das für ein Gefühl ist? Das ist ein Geschenk, das nur wenigen Menschen in ihrem Leben vergönnt ist.

Die Entscheidung aus der Knesset auszuscheiden, kommt aufgrund tiefer Selbstreflexion. Ich wurde in die Knesset gewählt, um zu versuchen, die Welt zu verändern. Das Gute, das ich feststellen kann, ist, dass mich die Welt wenigstens nicht verändert hat. Das Schlechte ist, dass ich viele kleine und bedeutende Veränderungen bewirkt habe, doch die Entwicklung unserer Gesellschaft geht in die falsche Richtung. Als eine Person des öffentlichen Lebens kann ich die Verantwortung nicht auf andere abwälzen, denn wenn sich die Situation während meiner Amtszeit zum Unguten entwickelt, dann ist dies auch meine Verantwortung. Ich habe mich gefragt, was dennoch zum Erfolg führen könnte, und die Antwort darauf ist, dass etwas tief im Inneren unseres Lagers fehlt und dass wir uns in ideologischer, pädagogischer und kultureller Hinsicht von unten erneuern müssen, um eine Bewegung der Veränderung in der israelischen Gesellschaft zu schaffen.“

Khenin während des Kampfs um die Anhebung des Mindestlohns. Auf dem Plakat steht: „Mindestens 30 Schekel pro Stunde“. Foto: Alon Lee Green

Khenin während des Kampfs um die Anhebung des Mindestlohns. Auf dem Plakat steht: „Mindestens 30 Schekel pro Stunde“. Foto: Alon Lee Green

 

Eine permanente Herausforderung

Wie üblich redet Khenin nicht nur, sondern er tut auch etwas. Kaum ist er aus der Knesset ausgeschieden, ist er bereits in der Bewegung „Standing Together“ aktiv, die sich darum bemüht, eine „Politik der Hoffnung“ vorzuleben und „das politisch Selbstverständliche infrage zu stellen“, wie auf der Webseite der Bewegung zu lesen ist. In diesen Tagen erscheint auch ein neues Buch mit dem Titel „Was ist jetzt zu machen?“ (beim Verlag Books in the Attic), das Khenin zusammen mit Professor Dani Filc von der Abteilung für Politik und Regierung der Ben-Gurion-Universität im Negev verfasst hat. Darin stellen die beiden eine Handlungsstrategie für das demokratisch-liberale, nach Frieden strebende Lager vor, nachdem sie die Ursachen für die Verzweiflung, die sich in diesem Lager in Israel und andernorts ausbreitet, erörtert haben. Sie analysieren die Gründe für den Aufstieg rechtspopulistischer Politiker*innen, die die demokratischen Fundamente untergraben wollen. Diese Kapitel liefern eine der besten Erklärungen für die gegenwärtige Situation. Im Anschluss daran klingt der von ihnen vorgeschlagene Handlungsplan vernünftig und machbar.

„Das Buch ist praktisch eine Debatte mit meinen engen Freund*innen, mit Menschen, die ich gern habe und schätze, die aber meinen, dass ‚alles verloren ist‘“, sagt Khenin. „So viele gute, intelligente Menschen sind zu diesem falschen Schluss gekommen, und das allein verleiht dem gegnerischen Lager enorme politische Kraft. Ich unterschätze die Gefahren nicht, im Gegenteil. Ich bin mir dessen bewusst, dass wir vor schweren Herausforderungen stehen und dass es schwierig sein wird, sie zu bewältigen, aber ich weiß auch, dass Menschen die Fähigkeit haben, Herausforderungen zu bewältigen. Zu jeder Zeit in der Geschichte gab es Herausforderungen und Menschen haben sie bewältigt. Unser Leben ist eine einzige Herausforderung.“

Khenin ist ein charismatischer Mensch, ein talentierter Rhetoriker und derart optimistisch, dass er mitunter messianisch wirkt. Er lehnt den Begriff „messianisch“ in Bezug auf seine Person entschieden ab, aber erläutert gern, warum er optimistisch ist: „Das Lager der Menschen, die Veränderung in der israelischen Gesellschaft, das heißt Frieden, Demokratie und Gleichheit, wollen, ist größer und vielfältiger, als es normalerweise beschrieben wird. Ich treffe diese Menschen an vielen Orten in Israel, nicht nur in Tel Aviv, sondern auch in allen Arten der Peripherien.“

 

Die Demografie entwickelt sich nicht in die von dir beschriebene Richtung. Die anderen gesellschaftlichen Gruppen bringen viele Kinder zur Welt, während viele Menschen deiner Gruppe Israel verlassen.

„Ich stimme der Prämisse des demographischen Arguments nicht zu, wonach Menschen in politische Ansichten hineingeboren werden und diese nicht ändern können. Wenn das stimmen würde, wäre ich ein orthodoxer Jude wie meine vier Großeltern. Der Sinn des politischen Handelns, und seine große Herausforderung, besteht darin, eine Veränderung in den Ansichten der Menschen zu bewirken. Das ist keine leichte Aufgabe, aber, wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat, eine durchaus machbare. Die große Frage ist, wie Menschen aus ihrer Passivität herausgeholt werden können. Die Demokratie ist nicht nur ein Ritual der Stimmabgabe bei Wahlen und dann des vier Jahre langen Verfluchens derer, die gewählt wurden. Demokratie ist unsere tagtägliche Möglichkeit, auf das, was hier geschieht, Einfluss zu nehmen.“

 

Menschen verlieren das Gefühl, diese Fähigkeit zu haben, und deshalb verzweifeln sie.

„Ich gebe dir ein Beispiel aus den letzten Jahren: Der Kampf um die Anhebung des Mindestlohns auf 30 Schekel pro Stunde wurde unter der Netanjahu-Regierung geführt, die eine ultrakapitalistische Politik verfolgt. Das Gesetz für saubere Luft wurde trotz des Widerstands der Regierung verabschiedet. Die Abschiebung von Asylsuchenden[3] wurde verhindert, obwohl Netanjahu sie abschieben wollte. Ein prominentes Beispiel ist der Status der LGBT-Community in Israel. Gab es je eine Regierung, die etwas zur Veränderung ihres Status getan hat? Nein. Und trotzdem hat sich ihr Status verbessert. Das wurde nicht durch Wahlen erreicht, sondern dadurch, dass viele Menschen auf verschiedenen Ebenen und in vielen Bereichen dafür gekämpft haben, in der Publizistik, in der Kultur, der Kunst, der Bildung und in der Zivilgesellschaft, sowie durch Druck auf das politische System.“

 

Es ließe sich zynisch sagen, dass die LGBT-Community darum Erfolg gehabt hat, weil heute gewinnorientierte Unternehmen de facto die Herrschaft ausüben und nicht die gewählte Regierung, und weil diese Unternehmen die Kaufkraft der LGBT-Community entdeckt haben.

„Deine Bemerkung ist nicht zynisch, sondern zeigt, dass die Welt heute dialektisch ist und jedes Phänomen mehrere Seiten hat. Diejenigen, die von einer Seite aus schwach erscheinen, sind aus einer anderen Perspektive gesehen stark, und umgekehrt. Zum Beispiel sehen sich die etablierten Viertel in Israel als Opfer der armen Peripherien, die die Politik in ihren Augen bestimmen. Dadurch gibt es in den armen Peripherien in Israel einen Aspekt der Realität, der ihnen Stärke verleiht. Ich frage mich immer, wie eine Veränderung herbeigeführt werden kann, und die Antwort ist: unter anderem durch das Betrachten der Realität aus unerwarteten Blickwinkeln, wenn die Schwachen eigentlich die Starken sind.“

 

In ihrem Buch verwenden Khenin und Filc den Begriff „konstruktiver Widerstand“: Sie rufen dazu auf, Widerstand gegen die bestehenden Verhältnisse zu leisten, aber auch zugleich eine Alternative aufzuzeigen. Beispiele hierfür finden sich in den zahlreichen Aktivitäten von „Standing Together“, etwa die „Zweisprachigkeits-Plakette“, die Unternehmen verliehen wird, die ihren Kund*innen Informationen in zwei Sprachen, Hebräisch und Arabisch, zur Verfügung stellen. Diese Aktion bringt den Widerstand gegen das „Nationalstaats-Gesetz“ zum Ausdruck und zeigt zugleich eine praktische Alternative auf, durch die die arabische Sprache nicht mehr als feindlich, sondern als etwas Alltägliches wahrgenommen wird.

 

Es ist unmöglich, die Klimakrise nicht zu erwähnen. Du hast dich sehr in dieser Sache engagiert, aber ohne wirkliche Erfolge, weder in Israel noch anderswo. Macht dich das pessimistisch?

„Die Klimakrise ist eine viel größere Herausforderung als jeder nationale Konflikt. Und trotzdem: Die Menschen sind hoch entwickelte Geschöpfe, die im Laufe der Geschichte große soziale Veränderungen bewirkt haben. Deswegen sind wir im Grunde in der Lage, auch die Klimakrise zu bewältigen. Wir habe noch nicht verloren. Vielleicht wird es uns gelingen, vielleicht auch nicht. Aber angesichts eines möglichen Erfolges lohnt es sich sehr zu kämpfen. Es steht ungemein viel auf dem Spiel.“

 

Übersetzt von Ursula Wokoeck Wollin

 

Der Artikel erschien ursprünglich auf Hebräisch am 29. Mai 2019 in der Tageszeitung Haaretz.

 

Netta Ahituv arbeitet als Reporterin für das Haaretz Magazine. Sie wurde mit dem Pratt-Preis für Journalismus, der sich mit Umweltfragen beschäftigt, ausgezeichnet.

 

Weiterführende Links

 

 

Anmerkungen

[1] Mehr zur Gemeinsamen Liste siehe http://www.rosalux.org.il/gemeinsam-anders-die-gemeinsame-liste-und-progressive-politik-in-israel/.

[2] Zu diesem Gesetz siehe http://www.rosalux.org.il/das-umstrittene-nationalstaatsgesetz/.

[3] Mehr hierzu in unserem Schwerpunkt Geflüchtete: http://www.rosalux.org.il/schwerpunkt-gefluchtete-israel/.

 

 

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RLS Israel 24.07.2019

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