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Mit der deutschsprachigen Webseite des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchten wir mannigfaltige Stimmen des progressiven Israels hörbar machen. Damit soll eine interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit bekommen, Innenansichten hiesiger Verhältnisse und Kämpfe zu erhalten und lokale Akteure kennenzulernen.

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Die ewige Sukka

Ein Kunstprojekt der Sala-Manca-Gruppe in Zusammenarbeit mit Itamar Mendes-Flohr und Yeshaiahu Rabinowitz, das jüdische religiöse Traditionen zum Anlass nimmt, um die Auswirkungen israelischer Siedlungspolitik kritisch zu beleuchten.

Lea Mauas und Diego Rotman

Vorbemerkung

Den eher öden Auftrag, einen künstlerischen Beitrag zum Laubhüttenfest zu liefern, nahm die Künstlergruppe Sala-Manca mit der ihr ureigenen Lust an poetischer Übersetzung politischer, medialer und sozialer Kontexte zum Anlass, eine eigene Interpretation der jüdischen Laubhütte, der Sukka, vorzustellen. Statt der traditionellen Hütte, die Jüd*innen und Juden in aller Welt als symbolische Erinnerung an die biblische Flucht der Israelit*innen aus Ägypten allherbstlich im Vorgarten, auf Balkonen oder nahegelegenen öffentlichen Plätzen aufstellen, baute sie eine aus Blech und Pappkarton bestehende Behausung palästinensisch-beduinischer B*innenflüchtlinge wieder auf. Immer wieder werden Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe von der israelischen Armee von einem Ort an den nächsten vertrieben.

Diese künstlerische Intervention stellt nichts Geringeres dar als eine komplette Umdeutung der traditionellen Laubhütte: Aus dem wirkungsmächtigen Symbol der Befreiung der Juden aus der ägyptischen Sklaverei zu biblischen Zeiten haben die Künstler*innen ein alltägliches Symbole für die provisorischen Verhältnisse gemacht, in denen palästinensische Geflüchtete in Israel/Palästina heutzutage leben. Flucht wird als ein universelles Phänomen erfahrbar, von dem zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Menschen betroffen sind.

Die im Jahr 2000 gegründete Sala-Manca-Gruppe besteht aus den aus Argentinien stammenden Künstler*innen Lea Mauas und Diego Rotman und experimentiert in verschiedenen Feldern: Performance, Video, Installationen und neue Medien. Ansässig ist die Gruppe im ehemaligen palästinensischen Dorf ‘Ain Karim, dem heutigen jüdischen Jerusalemer Stadtteil En Kerem. Dort eröffneten die Künstler*innen im Jahr 2012 The Museum of the Contemporary („Das Museum des Gegenwärtigen“), das als fiktiver Raum konzipiert wurde und sich der Verbindung zwischen zeitgenössischer Kunst und der israelischen und palästinensischen Geschichte, Topografie und Territorialpolitik widmet.

Der vorliegende Artikel beschreibt die Entstehung und Geschichte dieses Kunstobjekts, in dem sich durch die Zusammenarbeit zwischen Juden, Jüd*innen und Palästinenser*innen die israelische Gegenwart zu einer hochpolitischen Aussage verdichtet.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützte 2016 die Veröffentlichung des Ausstellungskatalogs und dessen Übersetzung ins Arabische.

RLS Team, Tel Aviv

 

Die Einladung

Im Jahr 2014 lud der Leiter des „Hansen House. Center for Art, Design and Technology“ die Künstler*innen der Sala-Manca-Gruppe ein, eine öffentliche Sukka für das Laubhüttenfest zu errichten. Die Sala-Manca-Gruppe beschloss, sich gemeinsam mit den Künstlern Itamar Mendes-Flohr und Yeshaiahu Rabinowitz näher mit der Bedeutung der Sukka im israelischen Kontext zu befassen und ihren temporären Charakter sowie die Verbindung zum Exil zu betonen. Man könnte, so die Auffassung der Künstler*innen, die Israelit*innen in der Wüste als frühe Flüchtlinge verstehen und ihre Sukkot, also ihre einfachen Behausungen, als Flüchtlingslager.

Die erste Frage, die sich nun stellte, war, wie man eine „authentische“ Hütte aus einem der heutigen Flüchtlingscamps in Israel/Palästina nach Jerusalem bringen könnte, und die zweite, wie man diese in eine koschere und „authentische“ Sukka verwandeln könnte.

 

Reise in die Wüste

Die Künstler*innen reisten in die Judäische Wüste in den palästinensischen Gebieten, um dort die Familie al-Korshan zu treffen. Sie gehört zu den Jahalin-Beduin*innen, die 1948 von ihrem Land im Süden Israels vertrieben worden sind und sich als Flüchtlinge in der Westbank niedergelassen haben. Die Familie siedelte in der Region von Kjan al-Ahmar und ließ ihre Tiere auf dem Land der angrenzenden Gemeinden weiden. Nach der Besetzung der Westbank durch den Staat Israel im Jahr 1967 sowie dem Bau und der Vergrößerung von Ma’ale Adumim, einer nahegelegenen Siedlung, beschränkte die israelische Armee zunehmend den Zugang der Jahalin zu vielen Weideflächen. Die Stammesmitglieder leben in provisorischen Behausungen ohne fließend Wasser und Strom. Ihre Hütten errichten sie aus dem, was sie finden: Metallresten, Baustellenholz, der Blechummantelung von Boilern und alten Reklametafeln. Die Dächer sind zumeist aus Blech und Plastikplanen. Alle ihre Häuser und weiteren Bauten sind ständig vom Abriss durch die israelischen Behörden bedroht. Aktuell besteht der Plan, eine Beduinenstadt in der Nähe von Jericho zu errichten, in der etwa 12.500 Menschen dreier unterschiedlicher Stämme angesiedelt werden sollen. Doch die Familien der Beduinen wehren sich dagegen, weil „der Plan, die Mitglieder unterschiedlicher Stämme und Familien alle zusammen […] am selben Ort unterzubringen, ihrer Tradition, ihrer Lebensweise und ihrem Lebensunterhalt entgegensteht“.

 

Auf ihrer Reise in die Judäische Wüste wurden die jüdisch-israelischen Künstler*innen von den Jahalin in einem traditionellen, aus natürlichen Materialien gefertigten Beduinenzelt empfangen. Tee wurde serviert, während ihnen Abu Suleiman die Geschichte der Jahalin-Beduin*innen erzählte und ihnen von ihrer Sorge berichtete, erneut gegen ihren Willen umgesiedelt zu werden. Die Künstler*innen erläuterten ihre Absicht, die lang zurückliegende Geschichte des jüdischen Exils mit dem aktuellen Exil der Jahalin in Verbindung zu bringen. Sie erzählten ihnen, dass sie einen Teil einer „verborgenen“ Realität zu einem neuen Ort bringen wollten, an dem das Verborgene sichtbar würde. Die Künstler*innen planten, für 1.300,00 Euro, die das Kollektiv vom Hansen House erhalten hatte, die Hütte einer Familie zu kaufen.

Der Mukhtar (Dorfvorsteher) erteilte der Aktion seinen Segen, mit der Begründung, dies könne eine Möglichkeit sein, die Situation der Jahalin bekannter zu machen. Gemeinsam mit der Al-Korshan-Familie vereinbarten die Künstler*innen, die Hütte bei Nacht abzubauen, um so von den israelischen Behörden unentdeckt zu bleiben. Während die Künstler*innen die auseinandergebaute Behausung als Sukka im Hansen House wieder aufbauten, würde die Al-Korshan-Familie damit beg*innen, mit dem erhaltenen Geld eine neue und stabilere Hütte am selben Ort zu errichten, wo die alte gestanden hatte.

 

Umsiedelung 1

Im September 2014 wurde die zerlegte Unterkunft der Jahalin als „Bauabfall“ ins Zentrum von Jerusalem gebracht und somit vorübergehend von einem „Zuhause“ in Rohmaterial verwandelt. Die Hütte wurde im Garten des Hansen House wieder aufgebaut, wobei einige Eingriffe vorgenommen wurden, um die Umsiedlung kenntlich zu machen und um die beduinische Konstruktion in eine koschere Sukka zu verwandeln: Das Dach wurde durch Palmwedel ersetzt und die Teppiche durch Matten ausgetauscht, eine Papierdekoration, die von der Tochter eines/r der Künstler*innen gefertigt wurde, diente als symbolischer Sukka-Schmuck.

 

Nächste Schritte

Das Haus der Jahalin-Beduin*innen, ursprünglich vom Abriss bedroht, veränderte so seinen „Status“ grundlegend: Aus einem illegalen Wohnhaus wurde eine legale und koschere Sukka, es überlebte dank Identitätswandel und Umsiedlung. Ziel der Künstler*innen war es, die Umsiedlung per Wiederaufbau im Allerheiligsten des israelischen Kunstdiskurses abzuschließen und zwar durch den Verkauf der Sukka an das israelische Nationalmuseum.

Dieser Plan führte zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Bedeutung eines solchen Schrittes, auch wegen der Gefahr des Kulturkolonialismus, westlicher Manipulation und der Ausbeutung sogenannter geschwächter Gemeinschaften. Die Künstler*innen waren sich dieser widersprüchlichen Ebenen bewusst und beschlossen, dass beim Verkauf die Hälfte der Summe der Al-Korshan-Familie als „Urheberrechtsabgabe“ für das Design der Hütte zustünde. Sie besprachen diesen Vorschlag mit den al-Korshans, um ihre Meinung zum Verkauf zu erfahren. Diese stimmten dem Plan unter der Bedingung zu, dass jede Ausstellung der Sukka von einem erläuternden Text zum Kontext des Projekts begleitet wird.

Die Künstler*innen nahmen Kontakt zu den Kurator*innen des Nationalmuseums auf, die ihrem Vorschlag, das Museum stärker in den Prozess einzubinden, zustimmten, wodurch neue Bedeutungsebenen zur Geschichte der Hütte hinzukamen, und „Die ewige Sukka“ gelangte auf die Wunschliste der Kurator*innen für Neuerwerbungen des Museums.

Nach einer langen und hitzigen Debatte entschied das Museum, die Sukka und den dazugehörigen Dokumentarfilm für die eigene Sammlung zu kaufen. Was zuvor Bauabfall gewesen war, der zu einem Zuhause und später zu einer koscheren Laubhütte geworden war, sollte nun zu einem Objekt werden, das katalogisiert, konserviert und kanonisiert wird, nicht nur als Kunstwerk, sondern auch als illegale Behausung.

Die Sukka wurde erstmals im Rahmen der Gruppenausstellung „we the people“ von September 2015 bis März 2016 gezeigt, kuratiert von Rita Kersting. Bei dieser Sonderausstellung wurde die nun als spiritueller Ort nicht mehr geeignete Sukka zu einem Ausstellungsstück im Museum. Im Inneren der Sukka wurde der Dokumentarfilm zum Projekt gezeigt und ein Begleittext ausgestellt.

Die neue Hütte in der Wüste: Bawadi

Für nur wenige Stunden war der Ort in der Wüste, an dem die Beduinenhütte abgebaut worden war, leer. Noch in derselben Nacht wurde an dieser Stelle eine neue und stabilere Unterkunft errichtet. Nach einigen Monaten entschieden sich die al-Korshans, Veränderungen vorzunehmen. Sie entfernten die Wände und ließen nur das Dach und das Gerüst stehen, an dem sie stattdessen Sonnensegel befestigten. Das Innere richteten sie mit Teppichen, Matten und anderen typischen Gegenständen ein. Sie befestigten ein großes Stück Stoff unter dem Dach, sodass der Eindruck entstand, man befände sich im Inneren eines typischen Beduinenzeltes. Diese neue Hütte wurde zu einem wichtigen Ort, um die Kultur der Beduin*innen zu zeigen und die Besucher*innen des Ökotourismus-Projekts Bawadi zu empfangen.

„Bawadi ist eine beduinische Ökotourismus-Initiative, die geführte Touren auf den alten Weiderouten der Westbank in Palästina anbietet, die oft nur die Beduinen kennen. […] Besucher*innen können dort die Musik, die Erzählungen und die Stille der Wüste erfahren. Bawadi ist sowohl eine Möglichkeit, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten, als auch eine Einkommensquelle für die jungen Menschen, die ihre besondere Kultur und Tradition bewahren und fördern möchten. […] Gemeinsam mit den Besucher*innen die wenig erschlossene und spektakuläre Landschaft, Flora und Fauna der palästinensischen Wüste zu entdecken ist auch eine feierliche Anerkennung des lebendigen Erbes der Beduinen.“

Während sich die Sukka im Museum zur „ewigen Sukka“, zu einem ethnographischen Ausstellungsstück außerhalb ihres natürlichen Kontextes entwickelt hat, ist der reale Ort, die Wüste, durch die Bawadi-Initiative zu einem Freilichtmuseum geworden, in dem das vom Zwangsexil bedrohte Erbe der Beduin*innen gezeigt und erlebbar wird.

Die Verbindung zwischen „Die ewige Sukka“ und der Bawadi-Ökotourismusinitiative ist nicht nur symbolischer Natur. Das Geld aus dem Verkauf der Hütte an das Museum kam der Entwicklung des Projekts zugute, und zwar in ebender Gegend, zumindest bis zum Zeitpunkt dieser Recherche, aus der die Beduinenhütte stammt.

Darüber hinaus arbeitet die Sala-Manca-Gruppe an der Webseite der Bawadi-Initiative mit und entwickelt mit verschiedenen Künstler*innen und Architekt*innen ein gemeinsames Projekt zu alternativer Architektur und sich selbst tragenden Projekten. Die Webseite der Initiative lautet bawadi.org.

 

 

(Übersetzung von lingua•trans•fair)

 

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Weiterführende Quellen

„Die ewige Sukka“ unter: sala-manca.net

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