NEWSLETTER BESTELLEN
Über diese Webseite

Mit der deutschsprachigen Webseite des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchten wir mannigfaltige Stimmen des progressiven Israels hörbar machen. Damit soll eine interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit bekommen, Innenansichten hiesiger Verhältnisse und Kämpfe zu erhalten und lokale Akteure kennenzulernen.

Weiterlesen X Schließen
Protestveranstaltung zum Nakba-Tag an der Universität von Tel Aviv, 2012.

Protestveranstaltung zum Nakba-Tag an der Universität von Tel Aviv, 2012. Foto: Activestills

Gleichberechtigung beginnt im Kopf

Die jüdische Bevölkerung Israels braucht neue politische Imaginationsformen, um sich als gleichberechtigt mit den palästinensischen Bürger*innen zu denken. Dazu zählt die Frage, wie die Geschichte verlaufen wäre, wäre es 1948 nicht zu ihrer Vertreibung gekommen.

Norma Musih

2000 bin ich von Jerusalem nach Tel Aviv gezogen. Zu der Zeit wusste ich bereits von den entvölkerten palästinensischen Dörfern. Ich kannte viele dieser Orte. Damals hielt ich sie noch für Nationalparks, Ruinen am Straßenrand, Picknickstellen oder israelische Städte. Teilweise waren mir ihre Namen geläufig, ohne dass ich ahnte, dass es sich in Wahrheit um die palästinensischen Namen der von jüdischen Israelis neu besiedelten Stadtteile handelte. Bis 1948 gab es auf dem Gebiet des heutigen Tel Aviv mindestens sechs palästinensische Dörfer. Obwohl ihre Überbleibsel für alle zu sehen sind, sind sie mir jahrelang nicht aufgefallen. Und als ich sie schließlich bemerkte – verflochten mit den Straßen, Galerien und Cafés von Tel Aviv – konnte ich mir nicht vorstellen, dass diese Dörfer und ihre ehemaligen Bewohner*innen je wieder zu einem Teil meiner Stadt werden könnten.

Die Tatsache, dass ich mir das nicht vorstellen konnte, zeugt von der Übermacht des national-zionistischen Diskurses, der keine Raum für andere Imaginationen lässt. Die jüdische Bevölkerung Israels braucht neue politische Imaginationen, um sich als gleichberechtigt zu denken – d.h. gleichberechtigt mit den palästinensischen Bürger*innen zweiter Klasse und nicht-eingebürgerten Minderheiten. Sie (wir!) brauchen neue Imaginationen, um Israel/Palästina – seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – anders zu denken als innerhalb des national-zionistischen Gedankengebäudes, das Israel/Palästina in Begriffen wie Teilung, Segregation und Diskriminierung denkt. Ich möchte unsere ererbte national-zionistische Perspektive kritisch befragen und die Brille wechseln, durch die wir die Dinge betrachten: Ich schlage ein Model der politischen Imagination vor, das es uns ermöglich, Israelis und Palästinenser*innen als gleichberechtigt anzusehen.

Imaginationen sind keine bloßen Einbildungen, die sich  «vor unserem inneren Auge» abspielen, wenn wir unsere Augen schließen. Ich meine damit vielmehr die aktive Handlung, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Laut Hannah Arendt spielen Imaginationen – oder «Einbildungskraft», wie es bei ihr heißt – eine wesentliche Rolle dabei, dass Menschen in Beziehung treten: Wer eine Vorstellung oder Imagination des Anderen hat, kann sich in dessen Perspektive hineinversetzen. «Die Einbildungskraft», schreibt Arendt, «macht […] die anderen gegenwärtig und bewegt sich damit in einem Raum, der potentiell öffentlich, nach allen Seiten offen ist. Kritisches Denken nimmt, mit anderen Worten, die Position von Kants Weltbürger ein. Mit einer ‹erweiterten Denkungsart› denken heißt, dass man seine Einbildungskraft lehrt, Besuche zu machen». Arendt lehrt uns, dass Imagination nicht einfach «auftaucht», wie wenn etwa ein Künstler oder eine Künstlerin von Inspiration ergriffen wird, noch ist es eine Gabe, die wir von Geburt an besitzen. Sie muss vielmehr geübt werden – wie ein Muskel oder wie die Fähigkeit, zu schreiben oder zu denken. Indem sie Vorstellungsvermögen und Übungspraxis konzeptuell verbindet, gibt uns Arendt ein Gerüst an die Hand, um unsere Imagination so trainieren, dass sie zum Instrument werden kann, um «dunkle Zeiten» zu überwinden und politische Veränderungen herbeizuführen. Imagination kann man nicht alleine praktizieren und genauso wenig kann man aufhören, sie zu praktizieren – vielmehr handelt es sich um einen fortwährenden Prozess, der aktiv gestaltet werden muss.

In diesem Aufsatz schlage ich drei Praktiken vor, die uns dabei helfen, unsere Imagination zu entwickeln. Als Erstes muss der Zionismus (Azoulay, 2019) verlernt werden. Dazu müssen wir Geschichte auf eine neue Art lernen, bei der wir bewusst hinterfragen, was wir wissen, was wir nicht wissen und welchen Mechanismen das vorhandene Wissen entspringt. Zweitens müssen wir in der Gegenwart handeln. Das bedeutet, im Alltag eine aktivistischen einzunehmen – sich zu organisieren, Trennungen und Restriktionen zu hinterfragen und Tag für Tag dagegen anzugehen. Drittens müssen wir eine alternativen Zukunft imaginieren, die mit der politischen Gegenwart bricht, und konkrete Szenarien erarbeiten, die allen freien und gleichberechtigten Zugang zu Land und Ressourcen ermöglichen.

Zochrot-Tour in Lifta, West-Jerusalem, 2011. Foto: Activestills

Tour der Nichtregierungsorganisation Zochrot durch das 1948 von Palästinenser*innen geräumte Lifta, West-Jerusalem, 2011. Foto: Activestills

 

Zionismus verlernen, Vergangenheit erlernen

Sich vom Zionismus loszusagen bedeutet für die jüdische Bevölkerung Israels, ihn nicht nur als nationale Bewegung zu begreifen, sondern auch als kolonialistische – das heißt, ihn aus dem Blickwinkel der Nakba zu betrachten. Dafür müssen wir lernen, was nicht an israelischen Schulen unterrichtet wird: Die Enteignung der einheimischen palästinensischen Bevölkerung, die ab 1948 stattfand; die Vertreibung von 700,000–800,000 Palästinenser*innen, die zu Geflüchteten wurden; schließlich die Zerstörung von 530 Städten und Dörfern (Morris, 2004; Pape 2006; Khalidi, 2006; Abu Sitta, 2010; Kadman 2015). Für die israelisch-jüdische Bevölkerung ist dies ein schwieriger, aber notwendiger Schritt. Der Zionismus ist wesentlich daran beteiligt, dass Jüd*innen in Israel zu Israelis werden: Er durchzieht unsere Kindheit und ist der Ursprung eines Großteils unserer archaischsten kollektiven Mythen. Dabei gibt es unterschiedliche Formen des Zionismus, und die verschiedenen jüdischen Communities haben ein unterschiedliches Verhältnis dazu. Der Zionismus unterdrückt nämlich nicht nur Palästinenser*innen, sondern auch jüdische Communities (hauptsächlich die der Mizrachim), die nicht dem weißen, aschkenasischen Gründungsmythos entsprechen.

Der Zionismus ist auf die kontinuierliche Erzeugung und Aufrechterhaltung von Imaginationen angewiesen. Eine solche elementare Imagination kommt in der zionistischen Parole «ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land» zum Ausdruck. Der Slogan offenbart das Bedürfnis, den jüdischen Anspruch auf Land zu legitimieren, gleichzeitig schaltet er eventuelle unangenehme Widersprüche von vornherein aus. Er verdeutlicht, dass es aus Sicht der zionistischen Bewegung vor der Staatsgründung Israels in Palästina keine Städte und Dörfer gegeben hat, keine Landwirtschaft, keine Kultur oder Niederlassungen – das Land war aus dieser Perspektive also menschenleer. Diese Leere kommt einem Recht gleich, dem gerechtfertigten Anspruch der jüdischen Gemeinde auf das Land. Und das nicht nur, weil ihnen das Land versprochen worden war, sondern auch, weil es Sinn machte: Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land. Diese willentliche Blindheit ist äußerst machtvoll: Was nicht sichtbar war, konnte allmählich von der Landkarte getilgt werden.

Nicht alle Zionist*innen teilten diese Blindheit. So widersprach zum Beispiel der jüdische Intellektuelle und Begründer des Kulturzionismus Ascher Zvi Hirsch Ginsberg den zionistischen Ansichten Theodor Hertzels. Ginsberg, der unter seinem Pseudonym Achad Ha’Am (hebr. «Einer des Volkes») bekannt war, war ein russischstämmiger, hebräischer Schriftsteller und eine zentrale Figur des europäischen Zionismus. Nachdem er 1891 von einer Palästinareise zurückkehrte, verfasste er «Wahrheit aus dem Lande Israel» – ein Bericht, der Palästina nicht als leeres Land, sondern als bewohntes und kultiviertes Gebiet beschreibt. Ginsberg ist zudem einer der «intellektuellen Väter» der Organisation Brit Schalom (hebr. «Friedensbund»). Die Gruppe wurde 1925 im britischen Mandatsgebiet Palästina von europäisch-jüdischen Intellektuellen gegründet und setzte sich für einen binationalen Staat ein, in dem jüdische und arabische Staatsbürger*innen die gleichen (Bürger-)Rechte genießen sollten.

Imagination erlaubt uns, Menschen entweder zu sehen oder auszublenden. Im (heute dominierenden) Imaginationsraum der Zionist*innen kam die ansässige Bevölkerung nicht vor, hier wurde das Land stattdessen als «leer» konzipiert. Dieselbe Imagination diente dazu, diese «Leere» nachträglich herzustellen, indem man Palästinenser*innen aus ihren Häusern vertrieb, palästinensische Ortsnamen von der Landkarte tilgte und die betroffenen Ortschaften dem Erdboden gleichmachte. Die anschließend neu errichteten Ortschaften trugen hebräische Namen und mit ihnen die Last, die Geschichte weiterhin vergessen zu müssen. Die zionistische Imagination zieht eine direkte und scheinbar zwangsläufige Linie zwischen Vergangenheit und Gegenwart, gerade so, als ob es nie eine andere Möglichkeit gegeben hätte, und unter Missachtung früher Stimmen von Menschen wie Achad Ha’Am und Gruppen wie Brit Schalom, die für andere Wege plädierten. Eine konstruktive Rolle, die politische Imagination in der israelischen Politik einnehmen kann, liegt in der Hinterfragung der vorgeblichen Unvermeidlichkeit zionistischer Narrative. Das kann gelingen, wenn wir und unsere Kinder uns darin üben, die Geschichte der Nakba als die Geschichte unseres Landes zu erzählen – eine Geschichte, die in israelischen Schulen und auf Hebräisch unterrichtet werden muss.

Imaginiertes "Rückkehr Dokument" von Zochrot auf dem Human Rights March, Tel Aviv, 2012. Foto: Activestills

Symbolisches Rückkehrdokument der NGO Zochrot auf dem Human Rights March, Tel Aviv, 2012. Foto: Activestills

 

Handeln in der Gegenwart

Wenn wir uns politische Imagination nicht als einen privaten Vorgang in den Köpfen einzelner Menschen, sondern als kollektive Handlung vorstellen, lassen sich die Aufarbeitung der Nakba und die Erinnerung daran als performative Handlung begreifen. Sie findet in der Gegenwart statt und wirkt auf diese Gegenwart ein. Ein gutes Beispiel für einen solchen Prozess ist die Erfahrung der Nichtregierungsorganisation Zochrot (hebr. «Wir erinnern uns»): Zochrot organisiert seit 18 Jahren Führungen zu Ruinen ehemaliger palästinensischer Ortschaften und trägt dadurch dazu bei, dass jüdische Israelis die palästinensische Nakba anerkennen und Verantwortung für die Geschichte übernehmen. Die Führungen waren aus dem Bedürfnis entstanden, eine Lücke zu füllen und jüdischen Israelis die totgeschwiegene Geschichte der Nakba nahezubringen – die palästinensische Geschichte des Landes, wie die Aktivst*innen zunächst dachten. Bis heute ist das immer noch der Hauptgrund, warum jüdische Israelis an den Führungen teilnehmen. Durch Berichte von  Zeitzeug*innen während der Führungen –  Palästinenser*innen und Jüd*innen gleichermaßen –, begriffen die Aktivist*innen von Zochrot aber zunehmend, dass das Vermächtnis der Nakba nicht lediglich, wirklich oder ausschließlich Teil der palästinensischen Geschichte ist, sondern eine gemeinsame Vergangenheit. Diese gemeinsame Geschichte umfasst ein breites Spektrum an Beziehungen zwischen Araber*innen und Jüd*innen: von friedlichem Zusammenleben hin zu Grausamkeiten, Zerstörung und Vertreibung. Es ist wichtig, hier zwischen Gedenken und Leid zu unterscheiden: Leidtragend waren und sind die Palästinenser*innen. Sie waren es, die ihre Häuser, ihre Heimat und ihre Freiheit verloren. Aber das Vermächtnis gehört auch den Täter*innen. Auch sie waren zugegen, sie begingen ebendiese Grausamkeiten oder ließen sie ungehindert geschehen und wir, die jüdischen Israelis, profitieren heute davon. In dem Sinne, als dass beide, Palästinenser*innen und Jüd*innen, an den Geschehnissen teilhatten – als Täter*innen und Opfer –, handelt es sich um ein Vermächtnis beider Gruppen. Es ist eine gemeinsame Geschichte, die sich nicht isoliert erzählen lässt. Sie muss Teil der Geschichte dieses Ortes werden.

Ruine des Muhtar (Dorfvorsteher) Hauses von Manshiya, einstigen Bezirk von Jaffa. Jetzt ist dort die Strandpromenade von Tel Aviv und in dem Haus befindet sich das Etzel Museum. Die Etzel war eine jüdische paramilitärische Untergrundorganisation die 1948 Jaffa eingenommen hat.

Ruine des Sitz des Mukhtars (Dorfvorstehers) von Manshiya, einstiger Bezirk von Jaffa. Heute befindet sich dort,  gelegen an der Strandpromenade von Tel Aviv, das Etzel-Museum. Die paramilitärische jüdische Untergrundorganisation nahm 1948 Jaffa ein.

 

Alternativen formulieren

Mein letzter Vorschlag für eine Übungspraxis der Imagination schließt direkt daran an: Ausgehend von einer Praxis des Verlernens der Vergangenheit und des Handeln in der Gegenwart können wir alternative Zukunftsszenarien formulieren. Die Idee ist, Allianzen zwischen verschiedenen Akteur*innen der israelischen und palästinensischen Gesellschaft zu imaginieren, die gemeinsam bestehende Gesetze überdenken, neue Strategien aufzeigen sowie konkrete, detaillierte Pläne entwerfen, die den Status Quo infrage stellen – und so alternative Zukunftsszenarien ertasten. Diese mentale Übung hat das Potential, uns ein Szenario «vor Augen zu führen», das bisher unmöglich schien und jetzt zum Gesprächsgegenstand werden kann. Eines der größten Hindernisse für die israelisch-jüdische Imagination, wenn es um die Zukunft geht, ist das «Recht auf Rückkehr» der Palästinenser*innen, wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen 1948 festgehalten wurde – genau da müssen wir ansetzen.

Das «Recht auf Rückkehr» trifft den Kern der national-zionistischen Imagination. Oft genügt schon das Wort «Rückkehr», um ein auf Hebräisch geführtes Gespräch zu einem abrupten Ende zu bringen. Es weckt tiefsitzende politische Ängste, die die Grenzen des Imaginationsraums der israelisch-jüdischen Community erahnen lassen. Nach dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1947–1949 wurde die Verweigerung des «Rechts auf Rückkehr» der palästinensischen Geflüchteten politisch dadurch legitimiert, dass sie als Abwendung einer demographischen Bedrohung dargestellt wurde – eine Bedrohung, die eine zweite Diaspora oder sogar einen zweiten Holocaust nach sich ziehen könnte. Diese Idee spiegelt sich auch in dem häufig zu hörenden Spruch «wenn wir (Jüd*innen) es zulassen, werfen uns die Araber*innen ins Meer» wieder. Solche politischen Ängste manifestieren sich auf unterschiedlichste Weise, vom diskursiven Rahmen wissenschaftlicher Forschung bis zu Gesetzen, die die Knesset verabschiedet. Sie werden auch dazu instrumentalisiert, das «Recht auf Rückkehr» weiterhin scheinbar gerechtfertigt zu verweigern und die täglichen Gräueltaten an den Palästinenser*innen zu legitimieren und zu banalisieren. Ich glaube, dass diese Angst beschwichtigt werden könnte, wenn jüdische Israelis und Palästinenser*innen gemeinsam konkrete Lösungen für die Rückkehr der palästinensischen Geflüchteten entwerfen. Es geht darum, den «Tag danach» vorzubereiten, als wäre das «Recht auf Rückkehr» bereits anerkannt: Wir würden Landkarten nachzeichnen, Dörfer und Städte planen, über Möglichkeiten der sprachlichen Integration nachdenken, Bildungssysteme aufbauen und Arbeitsmöglichkeiten schaffen. Jüdische Israelis sollten diese Aufgabe zusammen mit Palästinenser*innen in Angriff nehmen – wenn nicht jetzt, wann dann?

 

Fazit

Politische Imagination ist eine Praxis, die wir im öffentlichen bzw. gesellschaftlichen Raum ausüben. Sie verlangt von uns, dass wir Erlerntes vergessen und neu erlernen, dass wir gemeinsam im Hier und Jetzt handeln und aktiv Alternativen entwerfen. Diese Imagination muss in der Gegenwart stattfinden, aber in Geschichte und Erinnerung verankert sein. Im Klartext bedeutet das, bis dahin totgeschwiegene Aspekte der israelischen Geschichte aufzudecken und der Geschichtsschreibung hinzuzufügen. Es bedeutet auch, die Frage aufzuwerfen, wie die Geschichte verlaufen wäre, hätte man die Palästinenser*innen nie vertrieben oder den Geflüchteten erlaubt, zurückzukehren. Wo sind noch Spuren anderer Vorgehensweisen zu sehen, an welcher Stelle hätte man einen anderen Pfad einschlagen können? Welche Lehren können daraus gezogen werden? – Ein solcher Prozess kann zum Beispiel durch Aktivismus initiiert werden. Aktivismus bedeutet, aus Fehlern zu lernen und Gemeinsamkeiten zu finden – wie die gemeinsamen Interessen von Gruppen, die auf den ersten Blick nichts verbindet – z.B. palästinensische und mizrahische oder orthodoxe Communities. Politische Imagination, wie ich sie vorschlage, ist eine Imagination, die wir miteinander teilen und kontinuierlich im öffentlichen Raum mit anderen verhandeln.

Die Gegebenheiten eines jeden Ortes sind in ständigem Wandel, deshalb muss jede neue Hürde und Möglichkeit erkannt und berücksichtigt werden. Die aktuelle Corona-Krise ist ein gutes Beispiel: Historisch gesehen zwingen Pandemien Individuen und Gesellschaften dazu, sich von der Vergangenheit zu lösen und Weltanschauungen zu adaptieren. Möglicherweise hat auch die jetzige Pandemie das Potential, in Israel/Palästina Lern-, Wachstums- und Imaginationsprozesse in Gang zu setzen. Wir mussten erkennen, dass das Virus sich nicht an Grenzen zwischen palästinensischen und israelischen Gebieten hält, es wartet nicht an Kontrollpunkten und lässt sich nicht mit Mauern abhalten. Während die israelische Armee jüngst ein Krankenhaus in Ostjerusalem schloss, das Corona-Tests durchführte, realisieren mehr und mehr Israelis, dass sie den Zerfall des Gesundheitssystems in den besetzten Gebieten und dem Gazastreifen zu verschulden haben. So wurde eine Crowdfunding-Kampagne lanciert, um Gaza mit medizinischen Hilfsgütern zu versorgen – und diese übertraf ihr Ziel prompt um 550 Prozent. Die Ausbreitung des neuen Coronavirus macht sichtbar, dass wir alle in derselben Welt leben und ihre Bewohnbarkeit von uns allen abhängt. Sie zeigt, dass wir unser Verhalten, unseren Umgang mit anderen Menschen und unsere Definition davon, wer «wir» sind, verändern können. Wir können unsere Gewohnheiten und Routinen anpassen und unsere Prioritäten anders setzen. Und: Wir können es rasch. Diese Pandemie bietet uns die Chance, uns von unserer jetzigen Lebensweise zu lösen und hoffentlich nie mehr zu den «Dingen, wie sie einmal waren» zurückzukehren – zur perversen Selbstverständlichkeit von Gewalt und Enteignung, die Israel gegenüber den Palästinenser*innen an den Tag legt. Stattdessen gelingt es uns hoffentlich, gemeinsam eine neue Zukunft zu imaginieren.

 

Übersetzt von Gegensatz Translation Collective

 

Ich möchte Tal Zalmanovich, Eran Fisher und Louise Bethlehem für ihre aufmerksamen Anmerkungen zu diesem Artikel danken.

 

Dr. Norma Musih forscht zu Bildwissenschaften und digitalen Medien. Musih hat an der Indiana University doktoriert und ist derzeit als Postdoktorandin am Institut für Soziologie und Anthropologie an der Ben-Gurion-Universität des Negev tätig. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung als Kuratorin und ihrem Engagement als Aktivistin untersucht sie die Verbindung von Bildern und Imagination, indem sie Fotoarchive, Fotos, die Aktivist*innen aufgenommen haben, und digitale Bilder analysiert – mit dem Ziel, eine Übungspraxis für die Imagination zu entwickeln.

Weiterführende Literatur:

  • Hannah Arendt, Das Urteilen. Texte zu Kants politischer Philosophie. München, 1985.
  • Abu-Sitta, Salman H. Atlas of Palestine, 1917-1966. London: Palestine Land Society, 2010.
  • Azoulay, Ariella. Potential History: Unlearning Imperialism. Verso, 2019.
  • Kadman, Noga. Erased from Space and Consciousness: Israel and the Depopulated Palestinian Villages of 1948. Translated by Dimi Reider. Bloomington, Indiana: Indiana University Press, 2015.
  • Khalidi, Walid, ed. All That Remains: The Palestinian Villages Occupied and Depopulated by Israel in 1948. Washington, D.C.: Institute for Palestine Studies, 2006.
  • Morris, Benny. The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited. Cambridge University Press, 2004.
  • Pappe, Ilan. The Ethnic Cleansing of Palestine. Oneworld Publications, 2007.

 

Weiterführende Links:

 

 

Download PDF:

 



RLS Israel 13.05.2020

bestelle unseren Newsletter
NEWSLETTER BESTELLEN