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Mit der deutschsprachigen Webseite des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchten wir mannigfaltige Stimmen des progressiven Israels hörbar machen. Damit soll eine interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit bekommen, Innenansichten hiesiger Verhältnisse und Kämpfe zu erhalten und lokale Akteure kennenzulernen.

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Polizeikräfte riegeln die Abrissstellen ab. Foto: Jusawiruna Fotografinnen Kollektiv

Umm al-Ḥīrān – Die Geschichte eines Beduinendorfs in Israel

Umm al-Ḥīrān ist eines der 35 Beduinendörfer im Negev, deren Existenz der Staat Israel nicht anerkennt. Am 18. Januar 2017 fand dort in den frühen Morgenstunden ein Polizeieinsatz statt, um den behördlich angeordneten Abriss zahlreicher Gebäude zu sichern. Noch vor Sonnenaufgang entwickelte sich der Einsatz zu einer Tragödie: Zwei Männer – ein Zivilist und ein Polizist – kamen ums Leben.

Michal Rotem

Am Mittwoch, den 18. Januar 2017, fand in den frühen Morgenstunden ein Polizeieinsatz in Umm al-Ḥīrān statt: Hunderte von PolizistInnen waren angerückt, um den behördlich angeordneten Abriss zahlreicher Wohnhäuser und anderer Gebäude zu gewährleisten. Der Abriss ist Teil des Vorhabens, das gesamte Dorf zu räumen und dem Erdboden gleichzumachen. Auch die DorfbewohnerInnen waren an diesem Mittwochmorgen zugegen, ebenso wie einige AktivistInnen, die aus Solidarität gekommen waren. Noch vor Sonnenaufgang entwickelte sich die Abrissaktion zu einer Tragödie: Zwei Männer – ein Zivilist und ein Polizist – kamen ums Leben.

 

Die Polizei bringt die DorfbewohnerInnen in den Hof der Moschee und hält sie dort fest. Im Hintergrund: Dutzende von Polizeistreifenwagen, die in das Dorf gekommen sind. Foto: Jusawiruna Fotografinnen Kollektiv

Die Polizei bringt die DorfbewohnerInnen in den Hof der Moschee und hält sie dort fest. Im Hintergrund: Dutzende von Polizeistreifenwagen, die in das Dorf gekommen sind. Foto: Jusawiruna Fotografinnen Kollektiv

 

Umm al-Ḥīrān ist eines der 35 Beduinendörfer, deren Existenz der Staat Israel nicht anerkennt. Vor der Gründung des Staates Israel lebten die BewohnerInnen von Umm al-Ḥīrān in der Umgebung von Wadi Zubale im westlichen Negev. Nach der Staatsgründung wurden die Menschen, die nun israelische StaatsbürgerInnen geworden waren, gezwungen, ihre angestammten Ländereien zu verlassen. Im Rahmen der Regierungspolitik, die BeduinInnen im östlichen Negev zu konzentrieren, und auf Anordnung der Militärregierung (der alle BeduinInnen im Negev sowie auch alle anderen arabischen StaatsbürgerInnen Israels bis 1966 unterstellt waren) wurden die BewohnerInnen von Umm al-Ḥīrān zwei Mal umgesiedelt. Mitte der 1950er Jahre erhielten sie die Anordnung, sich dort niederzulassen, wo sich heute das Dorf Umm al-Ḥīrān befindet.

Seitdem leben die DorfbewohnerInnen dort, ohne jede Form der öffentlichen Daseinsvorsorge: Weil das Dorf weder an das Wasser- noch an das Stromnetz angeschlossen ist, müssen die DorfbewohnerInnen das Wasser selbst in Tanks herbeischaffen und Strom mit Generatoren und Solaranlagen erzeugen. Auch die lange Zufahrtsstraße zum Dorf müssen sie selbst instand halten. Um medizinisch versorgt zu werden und die Schule besuchen zu können, müssen die DorfbewohnerInnen in die circa acht Kilometer entfernte Ortschaft Hura fahren.

Seit Anfang der 2000er Jahre, nachdem die Menschen also fast ein halbes Jahrhundert in Umm al-Ḥīrān gelebt haben, werden ihnen nun Räumungs- und Abrissverfügungen für ihre Häuser zugestellt. Erst im Nachhinein stellte sich der Grund für diese Maßnahme heraus: Auf Teilen des Geländes, auf dem sich zurzeit das Dorf befindet, soll eine neue jüdische Ortschaft mit dem Namen Hiran entstehen. Die DorfbewohnerInnen leiteten umgehend rechtliche Schritte ein, um ihr Dorf zu retten. Doch der Planungsprozess für die jüdische Ortschaft Hiran wurde unbeirrt fortgesetzt und zum Abschluss gebracht. Im Mai 2015 wies das Oberste Gericht den Einspruch, den die DorfbewohnerInnen mithilfe der Organisation Adalah eingelegt hatten, ab und entschied, dass der Staat das Dorf Umm al-Ḥīrān räumen und die DorfwohnerInnen in die Beduinenortschaft Hura umsiedeln darf. Nachdem auch der Antrag auf Verhandlung auf einer anderen gerichtlichen Ebene abgelehnt worden war, waren sämtliche rechtlichen Mittel erschöpft. Das Oberste Gericht entschied darüber hinaus, dass dem Staat die Möglichkeit offensteht, die BewohnerInnen von Umm al-Ḥīrān zu vertreiben, auch wenn sie das Land aufgrund der Anordnung der Militärregierung besiedelt und nicht illegal besetzt hatten – wie es die Behörden fälschlich behaupteten.

 

Die DorfbewohnerInnen sitzen auf der Erde, ihnen gegenüber die Einsatzkräfte der Polizei. Foto: Jusawiruna Fotografinnen Kollektiv

Die DorfbewohnerInnen sitzen auf der Erde, ihnen gegenüber die Einsatzkräfte der Polizei. Foto: Jusawiruna Fotografinnen Kollektiv

 

Versuche zur Kompromissfindung

Im Prinzip spräche nichts dagegen, den Beschluss zur Errichtung des jüdischen Ortes Hiran zu revidieren oder dessen Lage so zu verändern, dass das Beduinendorf dort bleiben kann. Die DorfbewohnerInnen haben den Behörden verschiedene Lösungsvorschläge vorgelegt, die es ihnen als Gemeinde ermöglichen würden, weiterhin so zu leben und Landwirtschaft zu betreiben wie bisher. Unter anderem haben sie vorgeschlagen, die jüdische Ortschaft Hiran neben ihrem Dorf zu errichten oder das Dorf zu einem Viertel der neuen Ortschaft zu machen oder ihr Beduinendorf an einem anderen, nahe gelegenen Platz neu zu errichten. Auch wäre es für die Planungsbehörden kein wirkliches Problem, die Häuser der DorfbewohnerInnen in den Plan der neuen Ortschaft zu integrieren. Trotz all dieser Vorschläge bestehen die staatlichen Behörden darauf, die DorfbewohnerInnen in die nahe gelegene Beduinenortschaft Hura umzusiedeln, in der es nicht genügend Grundstücke für sie gibt, sodass sie ihre bisherige Lebensweise, die auch Tierzucht und saisonale Landwirtschaft einschließt, aufgeben müssen. Die erzwungene Urbanisierung hat somit auch den Verlust eines wesentlichen Teils ihrer Lebensgrundlage zur Folge, ohne dass genügend alternative Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Im August 2015 begannen die Arbeiten zur Errichtung des jüdischen Orts Hiran. Das Gelände wird seither vorbereitet und die Infrastrukturarbeiten sind in vollem Gange.

Im Laufe der Jahre übten die Behörden großen Druck auf die BewohnerInnen von Umm al-Ḥīrān aus, sodass einige von ihnen in die Umsiedlung nach Hura einwilligten. Als die Behörden im November 2016 den Abriss der Häuser androhten, gaben weitere Familien im Dorf dem Druck nach und erklärten sich bereit, nach Hura überzusiedeln. Sie waren gezwungen, ihre Tiere zu verkaufen, und mussten ihre Häuser selbst abreißen. Mitte Januar 2017 ordneten die Behörden den Abriss weiterer Wohnhäuser und anderer Gebäude im Dorf an. Nachdem in der Nacht zum 18. Januar ein erneuter Versuch der Vertreter des Dorfes gescheitert war, mit den Behörden eine Übereinkunft zu erzielen, um den Abriss zu verhindern, kam es am frühen Morgen des 18. Januar zu besagtem Polizeieinsatz. Die angeforderten Polizeikräfte – Angehörige von Kampfeinheiten – sicherten die Häuser, um die Durchführung der Abrissanordnung zu gewährleisten.

 

Planierraupen kommen ins Dorf, um die Häuser abzureißen. Foto: Jusawiruna Fotografinnen Kollektiv

Planierraupen kommen ins Dorf, um die Häuser abzureißen. Foto: Jusawiruna Fotografinnen Kollektiv

 

Die Ereignisse vom 18. Januar und ihre Folgen

Kurz vor 6 Uhr morgens ging der Dorfbewohner Yacoub Abu al-Qiyan zu seinem Haus, das an diesen Tag abgerissen werden sollte. Er nahm persönliche Dinge, Dokumente und Wertsachen an sich und legte sie in sein neues Auto, das er einige Monate zuvor gekauft hatte. Abu al-Qiyan stieg in den Wagen und entfernte sich im Schritttempo von seinem Haus. Innerhalb weniger Sekunden begannen die Polizeikräfte daraufhin, mit scharfer Munition in Richtung Auto zu schießen. Gemäß Videoaufnahmen und Zeugenaussagen von DorfbewohnerInnen und AktivistInnen, die gekommen waren, um die DorfbewohnerInnen zu unterstützen, verlor Abu al-Qiyan aufgrund der Schüsse die Kontrolle über das Auto, bevor dieses den Polizisten Erez Levi überfuhr, der daraufhin sofort starb.

Aus dem Obduktionsbericht geht hervor, dass von den Dutzenden Kugeln, die auf Abu al-Qiyan abgefeuert wurden, nur zwei getroffen haben. Eine Kugel drang durch das Auto und zerschmetterte das Knie des Beins, das das Gaspedal bediente; und die zweite drang in seinen Oberkörper ein. Aus dem Obduktionsbericht geht ferner hervor, dass Abu al-Qiyan erst 20 bis 30 Minuten nach den Schüssen an seinen Verletzungen starb. Die zahlreichen Polizeikräfte vor Ort kümmerten sich nicht um ihn und riefen keine ärztliche Hilfe, die sein Leben hätte retten können.

Abu al-Qiyan war 47 Jahre alt, als er ums Leben kam. Er war ein anerkannter und geschätzter Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften an der al-Salam Schule in Hura. In seiner Freizeit züchtete er Schafe. Seine Mutter und sein Bruder erzählten, dass er sie am späten Abend vor seinem Tod besucht habe. Als sie ihn fragten, was er machen würde, falls es zum Abriss komme, versprach er, dass er alles zurücklassen und sofort zum Haus der Mutter in Hura kommen würde.

Wenige Minuten nach den Schüssen veröffentlichten die wichtigsten israelischen Medien die Bekanntmachungen der Polizei, wonach in Umm al-Ḥīrān ein „Anschlag mit einem Fahrzeug“ verübt worden wäre – Abu al-Qiyans Bild wurde veröffentlicht und mit „der Terrorist“ untertitelt. Die Polizei hatte zu diesem Zeitpunkt keinerlei Grundlage für ihre Behauptungen, und niemand von den Medienleuten hatte sich mit den DorfbewohnerInnen in Verbindung gesetzt, um die Geschichte zu überprüfen. Erst im Laufe des Nachmittags, als die Polizei von sich aus ein Video veröffentlichte, das das Geschehen aus der Luft zeigt, begannen führende JournalistInnen, die Version der Polizei infrage zu stellen; diese Zweifel verstärkten sich angesichts der Obduktionsergebnisse und Augenzeugenberichte. Aber die Falschmeldungen waren in der Welt und die Hetze gegen die BewohnerInnen von Umm al-Ḥīrān und die beduinische Bevölkerung in Israel wird seither von führenden MinisterInnen, dem Polizeichef und anderen weiter betrieben.

Das Leid von Abu al-Qiyans Familie endete nicht mit seinem Tod. Einige Stunden, nachdem er gestorben war, kamen Planierraupen ins Dorf, seine Schafherde wurde weggebracht und sein Haus und seine landwirtschaftlichen Gebäude wurden zusammen mit einigen anderen Gebäuden im Dorf abgerissen. Nach der Obduktion bat seine Familie um die Leiche, um sie zu beerdigen. Aber die israelische Polizei übte großen Druck auf die Familie aus und knüpfte die Freigabe der Leiche an Bedingungen: Die Beerdigung dürfe nur in der Nacht stattfinden und nicht mehr als 50 Menschen dürften daran teilnehmen. Nach Ansicht der Polizei stelle die Beerdigung eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar, falls sie ohne diese Auflagen stattfände.

Die Polizei hielt an ihrer Verweigerung fest, bis zur Verhandlung vor dem Obersten Gericht über den Antrag auf bedingungslose Freigabe der Leiche, den die Familie mithilfe von Adalah gestellt hatte, die Leiche herauszugeben. Nachdem die Versuche, eine Kompromisslösung zu finden, gescheitert waren, gaben die Richter dem Antrag der Familie statt. Die Beerdigung fand am 24. Januar statt, fast eine Woche, nachdem Yacoub Abu al-Qiyan getötet worden war. Tausende von Menschen nahmen an der Beerdigung teil, die ohne besondere Vorfälle verlief.

 

Die Ereignisse in Umm al-Ḥīrān sind ein eklatantes und tragisches Beispiel für die Situation von 35 Beduinendörfern im Negev, die aus vielen verschiedenen Gründen in Gefahr sind, zwangsweise geräumt zu werden. Auf dem Boden von einigen dieser Dörfer wird die Errichtung von jüdischen Ortschaften geplant; andere befinden sich auf den geplanten Routen der Autobahn 6, die ganz Israel von Norden nach Süden durchquert, oder anderer Schnellstraßen. Dann gibt es Dörfer, die sich in militärischen Gebieten befinden, in Bezug auf andere verlangt der Staat, dass sie geräumt werden, obwohl es keinerlei Pläne für diese Gebiete gibt. Gegenwärtig setzen die BewohnerInnen von Umm al-Ḥīrān ihren Kampf fort, um ihr Dorf vor dem Abriss zu retten. Sie haben ein Protestzelt errichtet, das für die Öffentlichkeit bis Ende Februar geöffnet sein wird.

Nachtrag: Am 29. Januar 2017 kamen mehr als zehn Polizeistreifenwagen nach Umm al-Ḥīrān und Duzende von PolizistInnen klebten Abrissverfügungen an die Trailer, die dem Dorf gespendet worden waren, um die Menschen unterzubringen, deren Häuser bereits abgerissen sind.

 

Polizeikräfte sichern die Abrissarbeiten. Foto: Jusawiruna Fotografinnen Kollektiv

Polizeikräfte sichern die Abrissarbeiten. Foto: Jusawiruna Fotografinnen Kollektiv

 

 Die Fotos:

„Das ist das erste Mal, dass die Polizei so viel Gewalt gegen uns angewendet und mit scharfer Munition auf uns geschossen hat. Wir wussten in der Nacht davor, dass die Abrisse stattfinden würden, aber wir wussten nicht, dass so ungeheuer viele Polizeikräfte so früh am Morgen zu uns kommen würden. Ich ging aus dem Haus und sah, dass das ganze Dorf mit bewaffneten PolizistInnen voll war. Wir waren alle in der Moschee und alle [Sicherheitskräfte], die um uns herum waren, waren bewaffnet; und sie ließen uns nicht hinausgehen. Sie waren auf Gewalt vorbereitet und wollten nur Gewalt. Ich habe mich wie im Krieg gefühlt und mir wegen der furchtbaren Waffen, die so dicht bei uns waren, Sorgen um meine Söhne gemacht, die neben mir standen. Ich war im Schock.“

Dies sagte eine Bewohnerin von Umm al-Ḥīrān, die die gewaltsame Abrissoperation am 18. Januar 2017 fotografiert hat. Alle Fotos hat sie vom Fenster und vom Dach ihres Hauses aus aufgenommen. Die Fotografin gehört zu der Jusawiruna-Gruppe in Umm al-Ḥīrān. Jusawiruna – Fotografinnen für Menschenrechte ist ein seit einigen Jahren bestehendes Projekt des Negev-Koexistenz-Forums für staatsbürgerliche Gleichheit in den nicht anerkannten Beduinendörfern, das von dem Israel-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt wird. Im Rahmen des Projekts sind Gruppen von in den Dörfern lebenden Frauen aktiv; sie arbeiten gemeinsam zum Thema Menschenrechte und dokumentieren das Alltagsleben in ihren Dörfern und die dortigen Menschenrechtsverletzungen.

 

Michal Rotem ist die Koordinatorin der Abteilung für Research and International Advocacy im Negev Coexistence Forum for Civil Equality. Sie hat einen M.A. in Politikwissenschaft und studiert zur Zeit Jura.

 

 

(Übersetzt von Ursula Wokoeck Wollin)

 

Weiterführende Quellen:

Konfrontation im Negev – Die israelische Landpolitik gegen die Beduinen

Zerstörung eines Beduinen-Dorfs in der Naqab/Negev-Wüste

 

 

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