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Mit der deutschsprachigen Webseite des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchten wir mannigfaltige Stimmen des progressiven Israels hörbar machen. Damit soll eine interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit bekommen, Innenansichten hiesiger Verhältnisse und Kämpfe zu erhalten und lokale Akteure kennenzulernen.

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Peter O'Toole als Lawrence von Arabien

Trumps orientalische Fantasie

Seit Napoleon vor über 200 Jahren die Nahostbühne betrat stellt der Nahe Osten eine ideale Bühne für westliche Patriarchen dar, deren megalomane Träume sich sonst kaum unter den Bedingungen der parlamentarischen Demokratie zuhause ausleben lassen. Der Shootingstar unter den israelischen Feuilletonist*innen, Ofri Ilany, nimmt uns auf einen Parforceritt durch die Jahrhunderte.

Ofri Ilany

Wie erlebte Donald Trump wohl seinen flamboyanten Besuch im Nahen Osten? Womöglich wie ein pompöses Musical in Las Vegas, bei dem Tausendundeine Nacht und Die zehn Gebote ineinander fließen. Im ersten Teil Schwerter, Dschallabijas, Schnurrbärte, Kamele, Öle und Könige – nach der Pause starrköpfige Juden und Jüdinnen, heilige Gotteshäuser, alte Gemäuer. Und als Begleitprogramm: Anbiederung im Übermaß.

 

An der Spitze eines Heeres von 35.000 Soldaten erreichte Napoleon Bonaparte vor rund 220 Jahren Ägypten. Ebenso wie Trump heute war auch er bestrebt, den Problemen im eigenen Land zu entkommen – und welch‘ bessere Möglichkeit, eine festgefahrene Lage zu Hause zu überwinden, als ein öffentlich zur Schau gestellter Kurztrip in den Orient. „In Ägypten fühlte ich mich frei vom Zügel einer beengenden Zivilisation“, schrieb Napoleon in einem Brief. „Ich träumte von allem Möglichen und sah die Mittel, meine Träume wahr zu machen. Ich sah mich auf dem Weg nach Asien, nachdem ich zuvor eine neue Religion gestiftet hatte, auf einem Elefanten reitend, den Turban um den Kopf, einen neuen Alkoran in der Hand, den ich nach meinem Ermessen zusammenstellte.“ (Übersetzung aus „Napoleon I.“, von August Fournier)

 

Die meisten europäischen Autor*innen kennen das alte europäische Stereotyp, wonach die „Orientalen“ zum Despotismus neigen und sich nicht für die Demokratie eignen. So schrieb der deutsche Philosoph Johann Gottfried Herder im Jahre 1774, dass „kein Morgenländer, als solcher, noch kaum von einer menschlichen, besseren Verfassung, innigen Begriff haben kann“. Er beharrte darauf, „daß Despotismus vielleicht ewig im Orient seyn wird“. Politische Vordenker*innen der Aufklärung übernahmen die Haltung antiker griechischer Autoren, wonach die Länder Asiens tyrannischen Regimen verfallen seien. Manche von ihnen, darunter Herder und Friedrich Schlegel, priesen allerdings den Feudalismus an, der die Geschichte und Kultur des Kontinents ihrer Meinung nach durchzog.

 

Seit dem 18. Jahrhundert dient der Nahe Osten als Schauplatz für den Größenwahn westlich-patriarchaler Herrscher, denen in ihren Herkunftsländern die parlamentarische Demokratie einen Riegel vor die Erfüllung ihrer megalomanischen Träume geschoben hat. Dieses Phänomen zeigte sich besonders stark in der Phase nach dem Ersten Weltkrieg, als Großbritannien den Charakter dieser Region zu prägen begann. In seinem Buch „Ornamentalism: How the British Saw Their Empire“ (2001) vertritt der Historiker David Cannadine die These, dass britische Politiker versuchten, dem eigenen Weltreich das alte englische Klassensystem aufzuzwingen, das in Großbritannien selbst jedoch bereits verschwunden war.

 

Für T.E. Lawrence und andere Brit*innen aus konservativen und aristokratischen Kreisen war die arabische Welt ein Ort, wo die alten ritterlichen Werte, die altehrwürdige Gesellschaftsordnung und die Feudalstrukturen noch Bestand hatten. Der Orient bot ihnen die Möglichkeit, dem Aufstand der Massen und der Einführung der Demokratie zu entfliehen, einer Entwicklung, die die Lebenswelt dieser reaktionären Akteure bedrohte.

 

Und tatsächlich gelang es Großbritannien mit der haschimitischen Dynastie unter Ali bin Hussein, eine monarchische Dynastie im Nahen Osten zu begründen, die eine Art Spiegelbild zur eigenen Monarchie darstellte. Die britische Orientalistin Gertrude Bell, die damals ebenfalls großen Einfluss in der Region hatte, beschrieb diesen Ansatz salopp mit den Worten „Könige machen“. Der exzentrische und wankelmütige Lawrence von Arabien war der Meinung, dass Großbritannien sich recht gut dazu eignete, über den Nahen Osten zu herrschen, da es sich um eine Monarchie handelte, die dementsprechend gut mit den lokalen Scheichs und Emiren auskommen würde. Auch er hatte einen Hang zum napoleonischen Größenwahn.

 

„Ich hatte die Absicht, eine neue Nation zu schaffen, einen verlorengegangenen Einfluß wieder herzustellen, zwanzig Millionen Semiten die Grundfeste schenken, auf der sie den Traumpalast ihres nationalen Denkens bauen könnten“, schrieb Lawrence in seinem Werk „Die sieben Säulen der Weisheit“. Bei der Beschreibung der arabischen Männer, die an seiner Seite gegen das Osmanische Reich gekämpft hatten, griff er auf ein leidenschaftliches Vokabular zurück: „Die Männer waren jung und kraftvoll; ihr heißes Blut verlangte unbewußt sein Recht und peinigte den Leib mit unbestimmtem Verlangen.“

 

In den darauffolgenden Jahrzehnten blieb das britische Königreich den monarchischen Regimen im Nahen Osten eng verbunden. Dies änderte sich selbst dann nicht, als die Dynastie der Saud die Kontrolle über den Hedschas an sich riss und 1932 das Königreich Saudi-Arabien proklamierte. Seit jener Zeit war es den Mitgliedern der britischen Königsfamilie – und insbesondere Prinz Charles – stets eine besondere Ehre, Saudi‑Arabien zu besuchen, es sich in Zelten bequem zu machen und an Jagdausflügen mit Falken teilzunehmen.

 

Jetzt hat auch Donald Trump die Verlockungen des Orients kennengelernt. Es ist nicht schwer sich auszumalen, dass der US-Präsident bei weitem lieber einem König Salman gegenübertritt als einer Angela Merkel oder einem Emmanuel Macron. Der Schwerttanz sowie der Empfang durch Dutzende Führungspersonen aus dem arabischen Raum, die ihm zu Ehren nach Riad gereist waren, ließen sein Präsidentenherz höher schlagen. Wer weiß, ob er sich nach dem Ende seiner Amtszeit nicht vielleicht – ebenso wie zu seiner Zeit Michael Jackson – in Bahrain niederlässt.

 

Eigentlich ist es sehr amüsant: Vor drei Jahren, als der Islamische Staat erklärte, dass er alle Grenzen im Nahen Osten niederreißen würde, sprachen Expert*innen von der Aufhebung des Sykes-Picot-Abkommens, mit dem das Territorium der verschiedenen Länder in unserer Region nach dem Ersten Weltkrieg abgesteckt worden war. Jetzt zeichnet sich ab, dass Trump gemeinsam mit seinem Lieblingsmonarchen daran arbeitet, einen ähnlich reaktionären Deal auszuarbeiten, und zwar unter der Schirmherrschaft von Königen, Sultanen und Emiren.

 

 

Einander auserwählt

 

Wie jedoch bereits vor hundert Jahren, bleibt auch jetzt der Glanz dieser orientalischen Phantasie nicht gänzlich ungetrübt, gibt es schließlich noch den Zionismus. In unserem Land sind verschiedenste Faktoren am Werk – es bietet weit weniger Spektakel, stattdessen aber viele jüdische Menschen; weniger Schwerter, dafür mehr heilige Stätten und historische Katastrophen. Das macht aber nichts, denn Israel bietet eine Wunschvorstellung der anderen Art: die der Religion. Es fällt auf, dass die Reden von Trump einen deutlich religiöseren Einschlag haben als die früherer US-Präsidenten. Dabei ist er gar kein besonders gläubiger Christ. Ihm liegt einfach an der Übernahme simplistischer Botschaften. Und an denen mangelt es Israel nun ganz und gar nicht.

 

Die Israelis konnten zwar nicht mit Schwert-Shows aufwarten, sie wissen aber genau, wie man das Gefühl erzeugt, das auserwählte Volk zu sein. An dieser Stelle allerdings wurde der traditionelle Glaube an die göttliche Wahl des jüdischen Volkes durch die Idee der US-amerikanischen Wahl ersetzt: Genauso wie der Schöpfer der Welt damals unter allen Völkern uns auserwählte, so hat die größte Supermacht der Welt dieser Tage unter allen Völkern uns auserwählt. Und die US-Amerikaner*innen gefallen sich in der Rolle Gottes.

 

In ihrem Buch „The Chosen Peoples: America, Israel and the Ordeals of Divine Election“[1] (2010) stellen Tood Gitlin und Liel Leibowitz die These auf, dass das Bündnis zwischen den USA und Israel nicht einfach auf gemeinsamen Interessen gründet, sondern auf dem gemeinsamen religiösem Bewusstsein, zu den Auserwählten zu gehören. Die USA haben Israel auserwählt, wobei die USA die Rolle des historischen Gottes übernehmen und damit das göttliche Versprechen an Abraham einlösen.

 

Auch dieser Entwicklung bereitete das britische Weltreich den Boden. Schließlich hatte Großbritannien ein Jahrhundert zuvor dem Zionismus die Balfour-Deklaration geschenkt. Und bei diesem Akt war der protestantische Hintergrund der britischen Kultur von entscheidender Bedeutung. Diejenigen britischen Offiziere, die sich am besten mit den Zionist*innen verstanden, waren fanatische Protestanten wie etwa Orde Wingate, die sich selbst als biblische Krieger im Stile eines Gideon sahen. Arthur Balfour war ein eifriger Leser der hebräischen Bibel und ein glühender Verehrer des Judaismus. Seine Außenpolitik richtete sich sehr viel stärker nach der heiligen Schrift als nach den politischen Erwägungen des Empire.

 

Das übliche Postulat gemeinsamer demokratischer Grundwerte verliert immer mehr an Glaubwürdigkeit: Israel kümmert sich nicht besonders um das Thema Demokratie – und die USA noch weniger. Es lässt sich nicht leugnen, dass Liberalismus, Menschenrechte und Weltoffenheit nicht gerade zu Trumps Top-Prioritäten gehören; und wenn überhaupt, sucht er sie sicher nicht im Osten. Womit wir zurück wären bei der infantilsten aller Charakterisierungen des Orients: farbenprächtig und patriarchal, gefährlich und geheiligt. Wir alle – jüdische wie arabische Menschen zugleich – spielen unseren Part. Und wir machen mit bei diesem traditionellen Tanz, der die überholtesten Klischees über unsere Region legitimiert. Und es scheint ganz so, als ob wir uns in der Rolle eingerichtet hätten, die uns zugewiesen worden ist.

 

 

Ofri Ilany, geboren 1979 in Israel, ist Historiker und Publizist. Er befasst sich vor allem mit Bibelforschung in der deutschen Aufklärung. Ilany studierte in Tel Aviv und arbeitet an seinem Post-Doc zum Thema Orientalismus und Homosexualität an der Universität von Tel Aviv. Nach langen Aufenthalten in Berlin lebt Ilany heute in Tel Aviv und hat im Wochenendmagazin von Israels einziger Qualitätszeitung, Haaretz, eine Rubrik, die sich Geschichte und Kultur widmet.

 

Eine ähnliche Version erschien in Haaretz, 26. Mai 2017.

 

 

(Übersetzung aus dem Englischen: Sebastian Landsberger und Cornelia Gritzner für lingua•trans•fair)

 

 

 

 

Weiterführende Links

Cohen, Tsafrir, Zeitenwende? Trump und Israel, http://www.rosalux.org.il/zeitenwende-trump-und-israel/.

Halper, Jeff, Die Beziehungen zwischen den USA und Israel: Wedelt der Schwanz mit dem Hund? http://www.rosalux.org.il/die-beziehungen-zwischen-den-usa-und-israel-wedelt-der-schwanz-mit-dem-hund/.

 

 

Anmerkungen

[1] Anm. d. Ü.: Auf Dt. etwa: Die auserwählten Völker: USA, Israel und das Martyrium göttlicher Wahl.

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