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Mit der deutschsprachigen Webseite des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchten wir mannigfaltige Stimmen des progressiven Israels hörbar machen. Damit soll eine interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit bekommen, Innenansichten hiesiger Verhältnisse und Kämpfe zu erhalten und lokale Akteure kennenzulernen.

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Rosa Luxemburg und ihr Erbe (1871-1919)

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung wählte 1999 den Namen der wohl bekanntesten Sozialistin im deutschsprachigen Raum. Viele Menschen verbinden mit ihrer Person und ihrem Wirken eine konsequente, intelligente und ehrliche linke Politik.

Rosa Luxemburg (1871–1919) fasziniert als emanzipierte und vielseitige Frau, die in einer Zeit lebte und wirkte, die für die politische Linke heute immer noch gravierende Auswirkungen hat. Ihre Auffassungen hatten in der sozialistischen und Arbeiterbewegung im vergangenen Jahrhundert keine Chance, sie war ihrer Zeit voraus. Für die politische Linke der Gegenwart sind ihre Ansätze außerordentlich anregend.

Der Name Rosa Luxemburg ist für die Stiftung eine Frage der Identität geworden – vielleicht sogar mehr, als es bei der Wahl des Namens 1999 absehbar war. Deshalb widmet sie sich auch dem, was mit Rosa Luxemburg verbunden wird: der leidenschaftlichen Kritik am Kapitalismus und der überzeugenden Formulierung von Alternativen.

Rosa Luxemburg war eine herausragende Vertreterin demokratisch-sozialistischen Denkens und Handelns in Europa.

Mit all ihrer Kraft hat sie versucht, den Ersten Weltkrieg, der von 1914 bis 1918 tobte, zu verhindern. Neben Karl Liebknecht war sie die wichtigste Repräsentantin internationalistischer und antimilitaristischer Positionen in der SPD. Sie war eine leidenschaftliche und überzeugende Kritikerin des Kapitalismus und schöpfte aus dieser Kritik die Kraft für revolutionäres Tun. Voller Hoffnung begrüßte sie die Russische Revolution, blieb als revolutionäre Demokratin aber kritisch und wach: Hellsichtig attackierte sie die diktatorische Politik der Bolschewiki.

Sie wird am 5. März 1871 in der Kleinstadt Zamość im russisch besetzten Polen als Tochter eines jüdischen Holzhändlers geboren. Ihre Schulbildung erhält sie in Warschau. Von 1880 bis 1887 besucht sie dort das Gymnasium mit ausgezeichneten Leistungen in einer Umgebung, die eigentlich den Töchtern der russischen Beamten vorbehalten war. Sie lernt vier Sprachen perfekt, entwickelt früh ihre Lust am gesprochenen und geschriebenen Wort – und wird für linke polnische Gruppierungen politisch aktiv.

1889 droht ihr wegen dieser Aktivitäten Verhaftung und sie flieht über Deutschland in die Schweiz. An der Universität in Zürich – einer der wenigen höheren Bildungsstätten, zu denen Frauen gleichberechtigten Zugang haben – studiert sie zunächst Naturwissenschaften, dann Staatswissenschaften und Nationalökonomie. 1897 erwirbt sie den Doktortitel – bestaunt und bewundert als einzige Frau zwischen Söhnen von Gutsherren, Fabrikbesitzern und Staatsverwaltern.

1898 siedelt Rosa Luxemburg nach Deutschland über. Eine Scheinehe verschafft ihr die deutsche Staatsbürgerschaft. Fortan ficht sie für die deutsche Sozialdemokratie auf Parteitagen, internationalen Kongressen und mit ihrer publizistischen Tätigkeit. Auf dem Internationalen Sozialistenkongress 1900 begründet sie die Notwendigkeit internationaler Aktionen gegen Imperialismus, Militarismus und Kolonialpolitik.

Von 1907 bis 1914 arbeitet sie als Lehrerin an der sozialdemokratischen Parteischule in Berlin. Im Frühjahr 1914 wird sie wegen ihrer Antikriegsreden zu Gefängnishaft verurteilt. 1915 verfasst sie unter dem Pseudonym «Junius» eine Schrift gegen den seit dem 1. August 1914 tobenden Weltkrieg – die berühmt gewordene «Junius-Broschüre». Ende 1915 schließt sie sich mit Karl Liebknecht und anderen Kriegsgegnern in der Sozialdemokratie zur Gruppe «Internationale» zusammen, aus der 1916 die Spartakusgruppe hervorgeht.

Von Juli 1916 bis November 1918 ist Rosa Luxemburg in Berlin, Wronke und Breslau inhaftiert. 1917 unterstützt sie mit Artikeln vom Gefängnis aus die Februar- und die Oktoberrevolution in Russland. Sie begrüßt die Umbrüche – und warnt zugleich vor einer Diktatur der Bolschewiki. Am 9. November 1918 aus der Haft entlassen, engagiert sie sich mit ganzer Kraft in der Novemberrevolution. Gemeinsam mit Karl Liebknecht gibt sie die Rote Fahne heraus, arbeitet für einen umfassenden gesellschaftlichen Umbruch und gehört an der Jahreswende 1918/19 zu den GründerInnen der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).

Am 15. Januar 1919 werden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Offizieren und Soldaten konterrevolutionärer Reichswehreinheiten in Berlin brutal ermordet.

Für Rosa Luxemburg war Sozialismus nicht eine für andere zu erbringende Leistung oder gar das Geschenk einer Partei an die Unterdrückten und Ausgebeuteten. Sozialistische Politik und Sozialismus sollten aus der gemeinsamen, freiwilligen und bewussten Bewegung aller Unterprivilegierten entstehen. Diese Bewegung sei «die erste in der Geschichte der Klassengesellschaften, die in allen ihren Momenten, im ganzen Verlauf auf die Organisation und die selbstständige direkte Aktion der Masse berechnet ist», schrieb sie 1904. BerufspolitikerInnen und Parteien ließ sie nur als Teil dieser Bewegung gelten; ihnen sollten die Organisation und die politische Bildung obliegen.

 

 

Rosa Luxemburg, 1871 - 1919

Rosa Luxemburg, 1871 – 1919

 

Die wachsende Aggressivität des deutschen Militarismus sowie die Kriege um eine Neuaufteilung der Welt, vor allem der 1914 herbeigeführte Weltkrieg, verliehen der Friedensfrage ein besonderes Gewicht. Die von Rosa Luxemburg angestrebte sozialistische Gesellschaft sollte deswegen zutiefst friedfertig sein. Sie sah in ihr eine Form des menschlichen Zusammenlebens, in der alle Ursachen für Krieg und Barbarei hinfällig würden. Nicht zuletzt ihre tief empfundene Sehnsucht nach Frieden ließ Rosa Luxemburg mit aller Leidenschaft für den Sozialismus eintreten: «Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie hasst und verabscheut den Menschenmord. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft, weil sie nicht mit naiven Illusionen in die Arena tritt, deren Enttäuschung sie blutig zu rächen hätte. Sie ist kein verzweifelter Versuch einer Minderheit, die Welt mit Gewalt nach ihrem Ideal zu modeln, sondern die Aktion der großen Millionenmasse des Volkes.»

 

Unter «sozialer Umschichtung» verstand sie mit Karl Marx den Umsturz aller Verhältnisse, «in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Die soziale Umschichtung wollte sie durch steten Kampf um Hegemonie erreichen, mit deren Hilfe die innergesellschaftlichen Kräfteverhältnisse nachhaltig verschoben werden sollten. Auf diesem Weg gedachte sie, nicht nur zur Enteignung der Enteigner zu gelangen, sondern den Boden der Gesellschaft für Ausbeutung und Unterdrückung dauerhaft unfruchtbar zu machen. Jeglichen Terror gegen Kapitalbesitzer lehnte sie ab und plädierte stattdessen für einen von der Mehrheit der Unterprivilegierten getragenen Sozialismus, aus dem heraus die erneute Entstehung von Kapitalismus ohne Attraktivität bleiben solle.

 

Kampf um Hegemonie verstand Rosa Luxemburg als einen permanenten Kampf um die Zustimmung und Unterstützung durch qualifizierte Mehrheiten. Nicht zuletzt deshalb waren Freiheit und Demokratie für sie kein Luxus, den sozialistische PolitikerInnen nach Gusto gewähren oder auch verweigern können, sondern Bedingung sozialistischer Politik: «Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‹Gerechtigkeit›, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‹Freiheit› zum Privilegium wird.»

 

Zeit ihres Lebens gehörte Rosa Luxemburg benachteiligten, oft verfolgten Minderheiten an. Bedingt war das zum einen durch Geburt und Schicksal: Sie war Jüdin – und wenn sie auch zur Religion keinen Bezug hatte, entging sie doch dem Antisemitismus nicht. Bedingt war es zum anderen aber auch durch ihren Willen zu einem selbstbestimmten Leben – gegen die engen Vorstellungen ihrer Zeit. Kompromisslos und stimmgewaltig vertrat sie ihre Überzeugungen und ließ und lässt niemanden gleichgültig. Mit menschlicher Wärme und mitreißendem Temperament vermochte sie jeden für sich zu gewinnen, der sich vorurteilsfrei auf sie einließ. Verschreckt indes reagierten jene, die sich ihr nicht gewachsen fühlten.

 

Ihr unversöhnlicher Kampf gegen Krieg und die Radikalität, mit der sie auf der Verbindung von politischer Freiheit und sozialer Gleichheit bestand, haben auch für uns Heutige an Strahlkraft nichts verloren.

 

 

Broschur_Rosa_Luxemburg_COVER

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