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Mit der deutschsprachigen Webseite des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchten wir mannigfaltige Stimmen des progressiven Israels hörbar machen. Damit soll eine interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit bekommen, Innenansichten hiesiger Verhältnisse und Kämpfe zu erhalten und lokale Akteure kennenzulernen.

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„Jeder Polizist weiß, dass er mit uns alles machen kann“

Als Kind zog Tigist Mahari mit ihrer Familie aus Äthiopien nach Israel und beteiligt sich heute unter anderem aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen an Demonstrationen gegen Polizeigewalt und Diskriminierung. Ihr wichtigstes Ziel ist es, die verschiedenen benachteiligten Gruppen in der israelischen Gesellschaft zu vernetzen.

Interview mit Tigist Mahari

 

VIDEO TEASER:

Wo wurdest du geboren?

Ich wurde 1986 in Gonder, Äthiopien, geboren und kam mit meiner Familie Anfang der 1990er Jahre nach Israel. Meine Eltern haben immer davon geträumt, in Israel zu leben. Mein Großvater ist ein Kess – ein äthiopischer Rabbiner – und meine Eltern sind sehr zionistisch. Zuerst waren wir zwei Jahre in einem Aufnahmezentrum in Safed und zogen dann nach Aschkelon, beide in der israelischen Peripherie, wo meine Familie bis heute lebt.

 

Wann hast du zuerst Rassismus in Israel zu spüren bekommen?

In der Schule fühlte ich mich nicht diskriminiert – ich war sehr beliebt bei den anderen Schülerinnen. Aber es gab dennoch unterschwellige Botschaften – wegen meines Namens Tigist, der in Amharisch Geduld bedeutet. Die Lehrer*innen waren unfähig ihn auszusprechen und die anderen Kinder haben ihn immer abgekürzt. Das hat mich bedrückt, aber ich behielt meinen Namen trotzdem bei. Und doch hatte ich oftmals das Gefühl, meine Farbe sei nicht ganz in Ordnung, mein Haar sei nicht ganz in Ordnung und dass ich anscheinend nicht das klügste Mädchen in der Schule wäre. Erst als ich mein freiwilliges Jahr in Lod begann, wo die meisten anderen Freiwilligen in unserer WG Aschkenasim waren, wurde ich mir der Probleme bewusst. Ich war schockiert, dass diese Menschen im gleichen Land wie wir aufgewachsen waren – sie sprachen anders als wir, hatten ein viel höheres Wissen und erzählten von ihren Schulen, in denen viel mehr geboten wurde, als in unserer. Als ich mir dieses Unterschieds bewusstwurde, erhärtete sich bei mir der Verdacht, dass das Problem nicht bei mir liegt, sondern beim System.

 

Wie würdest du den Rassismus gegen Äthiopier*innen in Israel definieren?

Ich unterscheide zwischen unbeabsichtigtem und beabsichtigtem Rassismus. Im Bildungssystem zum Beispiel werden bis heute äthiopische Kinder innerhalb der Schulen getrennt unterrichtet, um sie in besonderen Programmen stärker zu fördern. Es gibt vielerlei Projekte, die von reichen amerikanischen Juden finanziert werden, die äthiopischen Kindern helfen wollen. Das ist aber nicht nur sinnvoll, weil die Kinder separiert werden, anstatt sie zu integrieren. Auch die Beziehung zwischen der Polizei und der äthiopischen Gemeinschaft leidet unter der verstärkten Polizeipräsenz in äthiopischen Wohngegenden. Die Chancen, dass äthiopische Jugendliche wegen geringfügiger Vergehen ein Bußgeld bekommen, oder darüber hinaus noch eine Ohrfeige, sind wesentlich höher. In einer Studie, an der ich mitgearbeitet habe, berichteten äthiopische Jugendlichen über ihre Probleme mit der Polizei – letztendlich war ihre Erklärung die, dass sie keine Rückendeckung haben. Jeder Polizist weiß, dass er mit uns alles machen kann und dass sich niemand beschweren wird. Die Eltern können kein Hebräisch, es gibt keine äthiopischen Anwälte oder Funktionäre, also tut die Polizei, was sie will.

 

Dies führte jedoch zu Protesten?

Im Jahr 2015 wurde eine zufällige Video-Aufnahme veröffentlicht, die zeigte, wie Polizisten einen äthiopischen Soldaten, der sogar uniformiert war, grundlos und brutal geschlagen haben. Dies war der Auslöser für mehrere Proteste. Massenhaft gingen äthiopische Jugendliche spontan auf die Straße, nachdem sie die Bilder gesehen hatten. Ich lebe seit vielen Jahren in Tel Aviv, gehe regelmäßig zu Demonstrationen für Frieden und gegen die Besatzung und noch nie habe ich so viel Polizei gesehen wie bei unserer Demonstration am Rabin-Platz. Die Polizisten waren vorbereitet, wie zu Demonstrationen in palästinensischen Dörfern in den besetzten Gebieten – sie hatten Wasserwerfer mit Stinkwasser und Tränengas. Ihre Botschaft war von Anfang an: Die Äthiopier sind gewalttätig. Und es kam auch zu Gewalt. Ich musste selber auch vor dem Tränengas und den prügelnden Reiterstaffeln flüchten. Danach meinten viele Israelis: Ihr habt ja Recht wütend zu sein, aber warum seid ihr gewalttätig? Als ich jedoch diese jungen Menschen sah, fragte ich mich, was ich tun würde, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre. Sie erleben seit so vielen Jahren Demütigungen, Mobbing und Verachtung, ihr Leben wird zerstört, weil ein Polizist willkürlich entschieden hat, sie festzunehmen und in das Kriminalregister einzutragen. Wie kommt man überhaupt dazu sich die Frage zu stellen, warum sie sich mit Gewalt wehren? Welche anderen Mittel haben sie zur Verfügung? Ihnen fehlen die Sprache und die Unterstützung einer Gemeinschaft oder der eigenen Familie. Der einzige Ausweg, der ihnen bleibt, um gegen die Gewalt vorzugehen, der sie ausgesetzt sind, ist Gegengewalt. Leider wurden wir in den Medien noch am selben Tag als Tiere dargestellt, wir wurden als von Natur aus gewalttätige Menschen präsentiert. Man müsse uns festhalten und unterdrücken, sonst würden wir explodieren.

 

Steht das nicht im Widerspruch zum Stereotyp, äthiopische Juden seien sehr gehorsam und „nett“?

Auf der einen Seite behandeln sie uns, als seien wir gewalttätig und gefährlich, andererseits werden wir oft als Menschen definiert, die extrem ruhig, nett, höflich und respektvoll sind. Die Jungen haben die Nase voll davon, zu schweigen und nett zu sein, sie wollen frech sein, genauso wie Israelis. Aber diese Chuzpe, sobald sie zum Vorschein kommt, wird in unserem Fall als gewalttätig angesehen. Wenn ich einem Polizisten sage: Ich kenne meine Rechte, Sie müssen mir Ihren Ausweis zeigen, wird er mir erwidern, ich sei frech und wie ich es wagen könne das Maul aufzumachen. Die jungen Äthiopier*innen wissen nicht mehr was vorzuziehen ist, zu schweigen und gedemütigt zu werden oder erhobenen Hauptes dazustehen und dafür geschlagen zu werden.

 

Erlebst du diesen Rassismus als Frau anders als Männer?

Ich denke, schwarze Frauen haben es leichter als schwarze Männer, die stets als bedrohlich wahrgenommen werden. Das Risiko festgenommen zu werden, oder in einen Club nicht reingelassen zu werden, ist für uns Frauen weniger hoch. Auf der anderen Seite erleben schwarze Frauen in mehrerer Hinsicht eine doppelte Unterdrückung. In Äthiopien hat die Frau eher zu Hause gearbeitet, gekocht, geputzt und Kinder aufgezogen. Als sie nach Israel kamen hat sich das geändert. Israel ist in dieser Hinsicht ja etwas egalitärer und es ist auch bekannt, dass Frauen sich bei Migrationsprozessen schneller anpassen. Daher haben viele Frauen begonnen draußen zu arbeiten und Hebräisch zu lernen, während die Männer oft zu Hause geblieben sind. Und so erleben wir Unterdrückung in beide Richtungen. Viele Israelis glauben, es sei etwas Exotisches eine Äthiopierin zu daten, weil wir als hypersexualisiert stereotypisiert werden. Eine Äthiopierin ist sexy, kann gut tanzen usw. Äthiopische Männer wiederum betrachten uns als Schlampen, falls wir uns zu frei bewegen oder uns wie Israelis kleiden. Es gibt viel Kritik an äthiopischen Frauen, die mit weißen Männern ausgehen.

 

Der schlimmste Fall von Rassismus gegenüber äthiopischen Frauen ereignete sich in der Generation meiner Mutter. Jahrelang zwang der Staat Israel äthiopische Frauen dazu kontrazeptive Spritzen zu bekommen. Diese gesundheitsschädlichen Spritzen sind eigentlich für die Behandlung von geistig behinderten Frauen gedacht, die nicht in der Lage sind selbst zu verhüten. Als ich das erste Mal davon erfahren habe, war ich schockiert – ich fühlte mich, als ob meine Welt zerstört würde. Ich verstand nicht, wie so etwas passieren konnte und rief meine Mutter an. Sie erzählte mir dann, dass sie selbst diese Spritzen bekommen hatte. Es ist ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass eine ganze Generation dadurch vernichtet wurde. Plötzlich fällt einem auf, dass eine ganze Altersgruppe in den Kitas fehlte. Die Außenkontrolle über die Gebärmutter im Allgemeinen ist schrecklich, aber in diesem speziellen Fall der Frau die Entscheidung zu nehmen, ob sie ein Kind haben will, ist für mich unvorstellbar. Außerdem war ich von der verächtlichen Haltung der medizinischen Institutionen erschüttert: Äthiopische Frauen können nicht für sich selbst entscheiden, wir müssen es für sie tun.

 

Wie bist du zur Aktivistin geworden?

Mit der Zeit wurde mir klar, dass es viele Parallelen zwischen all den Unterdrückungsformen gibt, die wir erleben – ich als Äthiopierin, eine Andere weil sie eine Palästinenserin ist und wiederum ein anderer, weil er schwul ist. Der Fokus meiner Aktivitäten ist, zu versuchen die Solidarität zwischen den verschiedenen Gruppen hierzulande zu fördern. Man muss begreifen, dass, wenn Äthiopier*innen eine Demonstration gegen Polizeibrutalität organisieren, ist dies nicht nur eine äthiopische Angelegenheit, sondern auch Ultraorthodoxe, Palästinenser*innen und Russen sind davon direkt oder indirekt betroffen. Die Vereinigung der unterschiedlichen Kämpfe ist das offensichtlich Schwerste, was wir derzeit zu tun haben. Aber sobald ein gemeinsames Interesse entsteht, erwächst daraus es eine viel größere Kraft. Leider sind wir alle auf unsere eigenen Kämpfe fokussiert. Deshalb ist es für mich als Äthiopierin wichtig, auch gegen die Besatzung und den anti-arabischen Rassismus vorzugehen. Diese Haltung einzunehmen, ist die entscheidende Aussage und ich bin der Meinung, dass der Konflikt und die Besatzung mich auch angehen. Sie korrumpieren auch mich, meine Freunde und meine Gemeinschaft. Diese Perspektive, den roten Faden zu sehen, der uns alle verbindet, habe ich in den letzten Jahren versucht zu entwickeln.

 

Wie fühlst du dich in dieser Zeit, in der Israel das 70ste Jahr seines Bestehens feiert?

Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass dieser Ort nicht wirklich mein Zuhause ist, dass er mir nicht gehört, obwohl ich gar keinen anderen Ort habe. Ich wurde immer wie eine Äthiopierin behandelt und nicht als Israeli. Ich bin von nationalen Feierlichkeiten generell nicht begeistert. Ich betrachte sie eher als Werkzeuge, die dem Staat letztendlich dazu dienen, so zu existieren, wie er heute existiert. Auf der anderen Seite lebe ich hier und ich kann verstehen, warum sich die Leute freuen und feiern wollen. Dennoch denke ich, dass diese Feierlichkeiten dazu instrumentalisiert werden, den Nationalismus zu fördern, eine gewisse Blindheit zu erzeugen und um immer mehr Wähler*innen für Netanjahu zu rekrutieren.

 

Was möchtest du in zehn Jahren sehen?

In meiner Fantasie stelle ich mir vor, dass Alle zu diesem Land dazugehören, die hier leben. Egal ob sie jüdisch, muslimisch oder sonst was sind. Der ganze israelisch-palästinensische Konflikt beeinflusst jedes Detail unseres Lebens sehr stark und dadurch auch unser Denken und Handeln. Also wünsche ich uns, dass in zehn Jahren Frieden herrschen wird, auch wenn es sehr schwer ist, sich das vorzustellen. Ich will, dass alle hier ihre Menschenrechte genießen können, auch die Palästinenser*innen in den besetzten Gebieten und diejenigen, die in Israel leben. Außerdem wünsche ich mir, dass unsere Regierung uns ernsthaft repräsentiert, in all unserer Vielfalt und dass junge Menschen die Führung übernehmen und aktiv werden. Nur so können wir hier etwas verändern.

 

Das Interview führte Yossi Bartal

 

 

Weiterführende Links:

– Zvi Ben-Dor Benite: Zwischen Ost und West – Die Mizrachim

DOSSIER: 50 Jahre Besatzung

 

 

Gegen den Strom – was bewegt israelische Aktivistinnen anno 2018?

 



RLS Israel 26.04.2018

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