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Mit der deutschsprachigen Webseite des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchten wir mannigfaltige Stimmen des progressiven Israels hörbar machen. Damit soll eine interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit bekommen, Innenansichten hiesiger Verhältnisse und Kämpfe zu erhalten und lokale Akteure kennenzulernen.

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Foto: Adalah (The Legal Center for Arab Minority Rights in Israel)

Zerstörung eines Beduinen-Dorfs in der Naqab/Negev-Wüste - eine Chronologie

In Israel gibt es 35 so genannte „nicht anerkannte“ Beduinen-Dörfer mit zehntausenden Einwohner_innen, die von erzwungener Verdrängung gefährdet sind. So auch das Beduinen-Dorf Umm al-Ḥīrān in der Naqab/Negev-Wüste.

Magda Albrecht

Von Anfang an berichteten wir über die Geschehnisse im Beduinen-Dorf Umm al-Ḥīrān: Der geplante Abriss, die gewaltvolle Räumung, welche zwei Todesfälle zur Folge hatte, und die darauffolgende mediale Darstellung des Vorfalls als „Terror“. Für den Polizeipräsidenten und den Minister für Innere Sicherheit war sofort klar: Beim toten Bewohner handele es sich um einen Terroristen der ISIS. Jetzt berichtet Israels Qualitätszeitung Haaretz, dass die tödlichen Vorfälle keinesfalls Resultat eines terroristischen Akts waren und fordert den Rücktritt des Ministers.

Lest die Chronologie der Ereignisse, die Israels Linke seit Monaten beschäftigt:

 

22. November 2016

In Israel gibt es 35 so genannte „nicht anerkannte“ Beduinen-Dörfer mit zehntausenden Einwohner_innen, die von erzwungener Verdrängung gefährdet sind. So auch das Beduinen-Dorf Umm al-Ḥīrān in der Naqab/Negev-Wüste in Süden Israels. Dieses ist akut vom Abriss durch die Israel Land Administration betroffen: Die israelische Regierung plant auf den Ruinen eine jüdische Ortschaft mit dem Namen Hiran zu bauen.

Adalah (The Legal Center for Arab Minority Rights in Israel) veröffentlichte folgendes Video, das in der Nacht vom 21. zum 22. November 2016 entstand (deutsche Übersetzung unten).

Deutsche Übersetzung:

 

Nachts haben die Familien des palästinensischen Beduinen-Dorfes Umm al-Ḥīrān hastig ihre Sachen gepackt, um diese vor der Zerstörung zu retten.

Mehrere Häuser sollen morgen abgerissen werden, da die israelischen Behörden den Plan verfolgen, das Dorf zu zerstören und die BewohnerInnen gewaltsam zu vertreiben.

Die israelische Regierung plant eine jüdische Ortschaft mit dem Namen Hiran auf den Ruinen zu bauen.

Umm al-Hiran ist eines von 35 so genannten „nicht anerkannten“ Beduinen-Dörfer innerhalb Israels. Jedes Dorf ist von Abriss und erzwungener Verdrängung gefährdet.

 

In den sozialen Netzwerken protestieren Aktivist_innen unter dem Hashtag #Save_UmAlHiran. Auf Grund von Protesten fand vorerst kein Abriss durch die Israel Land Administration statt.

 

18. Januar 2017

In den Morgenstunden trafen hunderte vollbewaffnete Polizeibeamte in Umm al-Ḥīrān ein, um den Abriss vorzubereiten. Dabei wurden ein Anwohner, Yacoub Abu al-Qiyan, und ein Polizist, Erez Levy, getötet und etliche andere verletzt. Zum Tathergang gibt es unterschiedliche Versionen, wie +972 und Adalah berichten: Ob al-Qiyan sein Fahrzeug auf die Polizeibeamten lenkte oder sein Auto erst in dem Moment ausscherte, in dem er angeschossen wurde und er die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor, ist zur Zeit unklar.

Den Berichten zufolge ging die Polizei äußerst brutal vor, sprühte Tränengas und schoss mit Plastikgeschossen; berichtet wurde auch von scharfer Munition. Unter den Verwundeten ist Knesset Mitglied und Vorsitzender der Gemeinsamen Liste Ayman Odeh, der von der Polizei mit Plastikgeschossen in den Kopf und Rücken getroffen wurde. Odeh wurde ins Soroka Krankenhaus in Be’er Sheva eingeliefert und ist im stabilen Zustand.

Ayman Odeh, verwundet, im Zuge der Häuserzerstörungen in Umm Al-Hiran, Negev, 18. Januar 2017. Quelle: ActiveStills

Ayman Odeh, verwundet, im Zuge der Häuserzerstörungen in Umm Al-Hiran, Negev, 18. Januar 2017. Quelle: ActiveStills

Aktuell zerstören Bulldozer Häuser in Umm al-Hiran.

BREAKING VIDEO: Israeli bulldozers demolishing homes in Umm al…BREAKING VIDEO: Israeli bulldozers demolishing homes in Umm al-Hiran Bedouin village after police kill resident (Video via All That’s Left: Anti-Occupation Collective)

Posted by Adalah – The Legal Center for Arab Minority Rights in Israel on Wednesday, January 18, 2017

 

Aktuelle englischsprachige Infos gibt es auf der Webseite sowie der Facebook-Seite von Adalah (The Legal Center for Arab Minority Rights in Israel).

 

4. Februar 2017

Heute gingen Tausende im Zentrum Tel Avivs unter dem Motto „AraberInnen und JüdInnen zusammen für eine gemeinsame Zukunft“ auf die Straße und demonstrierten gegen die Politik der israelischen Regierung. Anlass war der Abriss von Wohnhäusern in Umm al-Ḥīrān vor etwas mehr als zwei Wochen. Dabei kamen ein Anwohner und ein Polizist ums Leben und etliche andere wurden verletzt. Es war ein bewegender Abend jüdisch-arabischer Solidarität, wie ihn Tel Aviv seit langem nicht mehr erlebt hatte. So gut wie alle Partner der Rosa Luxemburg Stiftung in Israel nahmen daran aktiv teil. Es sprachen unter anderem die Knesset-Mitglieder Ayman Odeh von der Gemeinsamen Liste und Michal Rozin von Meretz. Besonders bewegend war das Plädoyer von Dr. Amal Abu Sa’ad, der Witwe des ums Leben gekommenen Anwohners, die Hoffnung auf eine gemeinsame jüdisch-arabische Zukunft nicht zu verlieren.

Demonstrant_innen mit Slogans wie "Keine Vertreibung, keine Mauer, keine Zerstoerung" "JuedInnen und AraberInnen gemeinsam"

Demonstrant_innen mit Slogans wie „Keine Vertreibung, keine Mauer, keine Zerstörung“ und „JüdInnen und AraberInnen gemeinsam“

Dr. Amal Abu Sa’ad, die Witwe des ums Leben gekommenen Anwohners.

Dr. Amal Abu Sa’ad, die Witwe des ums Leben gekommenen Anwohners.

Ayman Odeh, Knesset-Mitglied

Ayman Odeh, Knesset-Mitglied

 

16. Februar 2017

Michal Rotem vom Negev Coexistence Forum for Civil Equality schreibt einen ausführlichen Hintergrundartikel auf unserer Webseite:

Die Ereignisse in Umm al-Ḥīrān sind ein eklatantes und tragisches Beispiel für die Situation von 35 Beduinendörfern im Negev, die aus vielen verschiedenen Gründen in Gefahr sind, zwangsweise geräumt zu werden. Auf dem Boden von einigen dieser Dörfer wird die Errichtung von jüdischen Ortschaften geplant; andere befinden sich auf den geplanten Routen der Autobahn 6, die ganz Israel von Norden nach Süden durchquert, oder anderer Schnellstraßen. Dann gibt es Dörfer, die sich in militärischen Gebieten befinden, in Bezug auf andere verlangt der Staat, dass sie geräumt werden, obwohl es keinerlei Pläne für diese Gebiete gibt. Gegenwärtig setzen die BewohnerInnen von Umm al-Ḥīrān ihren Kampf fort, um ihr Dorf vor dem Abriss zu retten. Sie haben ein Protestzelt errichtet, das für die Öffentlichkeit bis Ende Februar geöffnet sein wird.

 

23. Februar 2017

Heute wurden neue Erkenntnisse zu den Ereignissen in Umm al-Ḥīrān bekannt: Eine Untersuchung des Justizministeriums soll ergeben haben, dass die tödlichen Vorfälle bei der gewaltsamen Räumung am 18. Januar nicht Resultat eines terroristischen Akts waren. Anfänglich hieß es, dass der Anwohner Yacoub Abu al-Qiyan den Polizeibeamten Erev Levy gezielt überfahren haben soll, woraufhin Levy sofort verstarb. Al-Qiyan selbst erlag wenig später ebenfalls seinen Verletzungen. Bereits kurz nach der Tat sprachen sowohl Polizeipräsident Roni Alsheich, als auch der Minister für Öffentliche Sicherheit, Gilad Erdan, über Al-Qiyan als einen „von der ISIS inspirierten Terroristen“.

Wie Haaretz berichtet, kommen aktuelle Nachforschungen zu dem Ergebnis, dass es sich nicht um einen terroristischen Akt handelte. Dazu ließ Erdan nun auf Facebook verlauten, dass in dem Fall eine Entschuldigung an die Familie vonnöten sei. Deutlichere Worte findet Zehava Galon, Parteivorsitzende von Meretz, die die Arbeit des Polizeipräsidenten Alsheich als „kontinuierliches Desaster“ beschreibt. Weiter fordert sie personelle Konsequenzen: „Was aktuell passiert, zeigt deutlich, dass die Polizei eine ernsthafte Grunderneuerung benötigt, vom Polizeipräsidenten bis zum Pressesprecher.“ Haaretz fordert im heutigen Leitartikel der hebräischen Ausgabe, dass auch der zuständige Minster, Erdan, zurücktreten sollte.

 

Weiterführende Links:

Konfrontation im Negev – Die israelische Landpolitik gegen die Beduinen

Umm al-Ḥīrān – Die Geschichte eines Beduinendorfs in Israel

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