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Mit der deutschsprachigen Webseite des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchten wir mannigfaltige Stimmen des progressiven Israels hörbar machen. Damit soll eine interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit bekommen, Innenansichten hiesiger Verhältnisse und Kämpfe zu erhalten und lokale Akteure kennenzulernen.

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Leila Mourad (1918 – 1995) war eine ägyptische Schauspielerin und Sängerin.

Leila Mourad (1918 – 1995) war eine jüdische, ägyptische Schauspielerin und Sängerin.

Arabisch in der jüdischen Geschichte und in Israel

Jahrhunderte lang spielte Arabisch eine zentrale Rolle in Alltag und Kultur von Juden von Andalusien bis Jemen. Das Nationalstaatsgesetz stuft den Status der arabischen Sprache herab und marginalisiert damit das kulturelle Erbe der palästinensischen Minderheit in Israel, aber auch der Mizrachim.

RLS Israel und Shira Ohayon

Hebräisch und Arabisch gehören zu der semitischen Sprachfamilie, sind also eng verwandte Sprachen, die vieles gemeinsam haben – Worte, Wurzeln, Deklinationen, grammatische Strukturen. Seit der Entstehung des Islams und der arabischen Eroberung des Nahen Ostens und Nordafrikas im 7. und 8. Jahrhundert kam die dort lebende jüdische Bevölkerung in Kontakt mit der arabischen Sprache und Kultur. Diese oft engen Beziehungen erreichten ihren Höhepunkt im Mittelalter, während der Blüte der arabischen Kultur, als jüdische Intellektuelle, etwa Maimonides und der Rabbiner Saadia Gaon, unter Araber*innen lebten und philosophische, wissenschaftliche und theologische Werke auf Arabisch schrieben. So wurden viele Wörter und Konzeptionen aus der arabischen Sprache und Kultur ins Hebräische übernommen und Texte verfasst, die ihre Inspiration unmittelbar aus arabischen Quellen bezogen.

Zu jener Zeit wurde Hebräisch hauptsächlich für religiöse und intellektuelle Zwecke verwendet und diente nicht als alltägliche Alltagssprache. Mit dem Entstehen der zionistischen Bewegung begannen Ende des 19. Jahrhunderts im historischen Palästina Bemühungen um die Erneuerung des Hebräischen, um es in seiner schriftlichen und gesprochenen Form auch im alltäglichen Leben nutzen zu können. Diese Entwicklung des modernen Hebräisch wurde von vielen europäischen Sprachen beeinflusst, insbesondere von Russisch und Deutsch. Viele jüdische Menschen, die zu jener Zeit im historischen Palästina lebten, sprachen jedoch Arabisch und nutzten es für ihre diversen Beziehungen mit der arabischen Bevölkerung. Darüber hinaus sprachen viele der jüdischen Immigrant*innen, die nach der Staatsgründung aus nahöstlichen und nordafrikanischen Ländern nach Israel kamen, Arabisch und waren eng mit der arabischen Kultur, in der sie aufgewachsen waren, verbunden. Aufgrund des jüdisch-arabischen politischen Konflikts im Land mussten diese Jüdinnen und Juden, die in Israel als Mizrachim bezeichnet wurden, mit der ihnen vertrauten arabischen Sprache und Kultur brechen. Im Laufe der Zeit und im Zuge des anhaltenden Konflikts wurde Arabisch immer mehr als „Feindessprache“ gesehen und die arabische Kultur als „minderwertig“. Viele Inseln der arabisch-jüdischen Kultur wurden jedoch von Mizrachim erhalten und gepflegt, obwohl sie kaum die ihnen angemessene Achtung und Stellung erhielten.

Die Verabschiedung des Nationalstaatsgesetzes, in dem unter anderem festgelegt wird, dass Arabisch nicht mehr (wie bisher) als offizielle Sprache des Landes gilt, sondern einen Sonderstatus erhält, wird von den palästinensischen Staatsbürger*innen Israels weitgehend abgelehnt. Aber es gibt auch Mizrachim, die sich diskriminiert und ausgeschlossen fühlen. Am 1. Januar 2019 reichten 50 Mizrachim, deren Familien aus arabischen und muslimischen Ländern eingewandert sind, Klage gegen dieses Gesetz beim Obersten Gericht ein. In der Klageschrift heißt es: „Durch die Herabstufung des Arabischen als auch durch die von dem Gesetz erzeugte dichotome Vorstellung, als ob Hebräisch die einzig legitime jüdische Sprache des jüdischen Volks sei, konterkariert das Gesetz des jüdischen Nationalstaats das historische Erbe der Juden und Jüdinnen der arabischen Welt als auch gegenwärtige kulturelle Trends in der israelischen Gesellschaft, einschließlich der Renaissance der Mizrachim. Das Gesetz wirft uns zurück auf den Diskurs der Trennung, der Grenzen, eines rigiden Schmelztiegels und einer kulturellen Hierarchie, die Mizrachi-Gemeinden erniedrigt und herabsetzt und die ihnen gegenüber – im Vergleich zu jüdischen Gemeinden aus nicht-arabischen Ländern – diskriminierend ist.“

„Unserer Meinung nach sollte die historische Verbindung von jüdischen Menschen zur arabischen Sprache gefördert und gepflegt werden. Wir sind verpflichtet, viel in den Unterricht des Arabischen an hebräischen Schulen in Israel zu investieren, die Erforschung und Erhaltung des Arabischen an Universitäten und verschiedenen Forschungsinstitutionen zu verstärken and Werke ins und aus dem Arabischen zu übersetzen. Wir dürfen diese Verbindung zum Arabischen nicht beeinträchtigen, insbesondere angesichts der schweren Schäden, die in der Vergangenheit verursacht wurden, sowie angesichts ihrer historischen Bedeutung in der Gegenwart und für ihre zukünftige Erneuerung. Das jüdische historische Erbe ist ein mehrsprachiges; die meisten jüdischen Gemeinden waren mehrsprachig, und so wichtig Hebräisch auch sein mag, das jüdische historische Erbe sollte nicht auf eine Sprache reduziert werden.“

Zusammengestellt vom RLS Israel

 

 

* * *

 

Shira Ohayon

 

Jüdinnen und Juden aus arabischen Ländern und der Status der arabischen Sprache

 

Arabisch ist nicht nur die Muttersprache der arabischen und drusischen Bewohner*innen Israels, sondern wurde auch von den meisten der aus arabischen Ländern kommenden jüdischen Einwander*innen gesprochen. Das heißt, es ist die Sprache der Eltern und Großeltern von mehr als der Hälfte der israelischen Staatsbürger*innen. Sprache ist bekanntlich nicht nur ein Verständigungsmittel. Sie ist auch eine Art des Denkens. In seinem Artikel über „Die Sprachen der Juden – Brücke und Zaun“ zitiert der Sprachforscher Aharon Maman den Philosophen Ludwig Wittgenstein: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, und stellt fest, dass die aktive und passive Kenntnis der Sprache einer Gruppe ein Beweis für die Zugehörigkeit einer Person zu dieser Gruppe ist. Seines Erachtens nach „definiert Sprache vor allem Identität“. Deshalb sollte Arabisch als grundlegender Bestandteil der Mizrachi-Identität von Juden und Jüdinnen aus arabischen Ländern betrachtet werden. Den Status der Sprache herabzusetzen und sie als minderwertig zu bezeichnen, bedeutet, dass diese Jüdinnen und Juden herabgesetzt und als minderwertig bezeichnet werden.

Außerdem bedeutet die Herabsetzung des Status des Arabischen, dass der Status des Hebräischen und des Judentums und das Verständnis ihrer historischen Entwicklung unterminiert werden. Die Begegnung zwischen den Sprachen der Juden und dem Arabischen infolge der islamischen Eroberungen hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung und Wiederbelebung[1] des Hebräischen und infolgedessen auf die jüdische Identität und die Einstellung gegenüber anderen Religionen und Sprachen.

 

Die Kommunikationssprache der Juden und Jüdinnen in den arabischen Ländern

Die arabische Welt ist durch das Phänomen der Diglossie, das heißt der Zweisprachigkeit, gekennzeichnet. Das hochsprachliche (Schrift-)Arabisch[2] ist die Basis aller arabischen Sprachen, die in diesen Ländern gesprochen werden: Jemenitisch, Marokkanisch, Irakisch, Ägyptisch, Syrisch, Libanesisch, Tunesisch, Algerisch, Libysch und so weiter. Auch in der jüdischen Bevölkerung gab es eine ähnliche Diglossie. Neben dem Arabischen, das im Alltag als Umgangssprache gesprochen wurde, entwickelte sich eine weitere Schriftsprache: das Judäo-Arabische.

Es diente als Kommunikationssprache, mit der ein Jude im Irak mit einem Juden in Spanien, im Jemen, in Ägypten oder anderswo in dieser Region korrespondieren oder sich unterhalten konnte. Diese Sprache hatte ihre eigenen Charakteristika, die sich von dem muslimischen hochsprachlichen Arabisch unterschieden. Sie ist eine arabische Sprache, die in hebräischen Buchstaben geschrieben wurde und in die hebräische Worte und Ausdrücke, die aus den heiligen Schriften oder der jüdischen Kultur stammen, eingebettet waren. Dies schloss auch semantische Verschiebungen, also die Änderung der Bedeutung eines arabischen Worts, sowie Übersetzungen von aus dem Hebräischen entlehnten Worten und Ausdrücken, die es im Arabischen nicht gab, mit ein. Auf diese Weise wurde das Arabisch in gewisser Weise jüdisch.

Viele Bücher und Werke der großen Gelehrten des Judentums, alle Responsen, Briefe, Episteln, Dokumente und Verträge, die Gemeinderegister, die die Rabbiner in den jüdischen Gemeinden in den arabischen Ländern führten, und sogar nicht-religiöse Poesie wurden alle in diesem Judäo-Arabisch geschrieben. Ohne das Lesen und Verstehen dieser Texte, von denen viele in der Geniza in Kairo aufbewahrt wurden, wäre der bedeutende Fortschritt in der Erforschung des Judentums in der muslimischen Welt und in den Nahostwissenschaften im Allgemeinen unmöglich gewesen. Das Verstehen dieser Texte und ihre Übersetzung erfordern gute Kenntnis des hochsprachlichen Arabisch und der gesprochenen arabischen Dialekte, aber auch viel Kenntnis in Hebräisch, der biblischen und religiösen Literatur sowie der jüdischen Lebenswelt. Deswegen ist es sehr wichtig, dass jüdische Schüler*innen und Student*innen Arabisch lernen, damit es einen Nachwuchs an Forscher*innen gibt. Denn es gibt Dokumente von Juden und Jüdinnen in der arabischen Welt, die nach Israel gebracht wurden oder sich noch im Ausland befinden, und die noch gar nicht wissenschaftlich gesichtet und erforscht wurden.

 

Die Sprache der Geschichtsforschung und der spirituell-religiösen Kreativität

Durch die Begegnung mit der arabischen Sprache und Kultur infolge der islamischen Eroberungen eröffnete sich für Juden und Jüdinnen eine neue kulturelle Welt. Die Kenntnis des Arabischen erschloss den Juden und Jüdinnen der Region Wissensbereiche, die sie vorher nicht kannten: Naturwissenschaften, Medizin, Mathematik, Astronomie, Philosophie und anderes mehr. Dieses Wissen basierte unter anderem auf den Werken griechischer Gelehrter und deren Übersetzung ins Arabische. Darüber hinaus wurden viele Werke von bedeutenden Rabbinern (Ge’onim) und großen jüdischen Gelehrten in Arabisch verfasst. Es ist zum Beispiel unmöglich, ohne umfassende Kenntnis des hochsprachlichen Arabisch und der arabischen und muslimischen Kultur die Werke und Lehren von Rabbiner Saadia Gaon oder Maimonides in ihrer ganzen Tiefe zu verstehen und zu interpretieren. Hier ein paar Beispiele zur Illustration: Rabbiner Saadia, der Gaʼon von Babylonien, schrieb „Kitab al-Amanat wa-l-I’tiqadat“ (Buch der Glaubensartikel und [Lehr-]Meinungen) und „Kutub al-Lugha“ (Bücher der [hebräischen] Sprache) auf Arabisch; und dann natürlich seine Übersetzungen eines Großteils der Tora ins Arabische, die Juden helfen sollten, die keine guten Hebräisch-Kenntnisse hatten.

Der Dichter des goldenen Zeitalters in Spanien, Moses Ibn Ezra, der „Kitab al-Muhadara wa-l-Mudhakara“ (Buch über Rhetorik und Dichtung) auf Arabisch verfasste, beschrieb seine Bewunderung für die arabische Sprache. Der große hebräische Dichter Spaniens, Rabbiner Jehuda haLevi, schrieb „Kitab al-Hudschdscha wa-l-Dalil fi Nusr al-Din al-Dhalil“ (Buch von Argument und Beweis zur Verteidigung des verachteten Glaubens), dessen hebräische Übersetzung unter dem Titel „[Sefer ha]Kusari“ bekannt ist, auf Arabisch. Natürlich schrieb Maimonides sein größtes philosophisches und vielleicht das bedeutendste Werk des Judentums insgesamt, „Dalalat al-Ha’irin“ (Führer der Unschlüssigen), auf Arabisch sowie auch die meisten seiner Briefe an seine jüdischen Glaubensbrüder im Jemen und im Maghreb. Briefe an jüdische Menschen, die kein Arabisch konnten, und auch sein großes rabbinisches Werk „Mischne Tora“ (eine systematische Darstellung der Tora und ihrer Auslegung in der Mischna) schrieb er auf Hebräisch.

Arabisch wurde praktisch zur Sprache der Wissenschaft und Forschung in der jüdischen rabbinischen Literatur und Bücher wurden erst danach ins Hebräische übersetzt. Juden schrieben ihre wissenschaftlichen Arbeiten nicht nur auf Arabisch, sondern passten diese auch in Form, Stil und in Bezug auf den Rahmen der theoretischen Diskussion den Standards von arabischen Werken der mittelalterlichen Wissenschaftsliteratur an. Es scheint also, dass Hebräisch und Arabisch nebeneinander als sich gegenseitig ergänzende und nicht als einander ausschließende Sprachen und Identitäten existierten, und das selbst bei bedeutenden Tora-Gelehrten und Weisen und denjenigen, die für ihre große Loyalität gegenüber der schriftlichen und mündlichen Tora und für ihre Treue zur jüdischen Tradition bekannt waren.

 

Der Einfluss des Arabischen auf die Wiederbelebung der hebräischen Sprache, Dichtung, Pijjut (liturgischer Gesang) und Musik

Erste Seite des 1. Buchs Moses (Genesis) in Hebräisch und Arabisch, in der Übersetzung von Rabbiner Saadia Gaon. Quelle: Facebook Seite: الكُتَّاب اليهودي – הכותאב היהודי.

Erste Seite des 1. Buchs Moses (Genesis) in Hebräisch und Arabisch, in der Übersetzung von Rabbiner Saadia Gaon. Quelle: Facebook Seite: الكُتَّاب اليهودي – הכותאב היהודי.

Die Begegnung zwischen der hebräischen und der arabischen Sprache führte auch zu enormen Fortschritten im Studium der hebräischen Sprache und gab den Anstoß für deren Wiederbelebung und die Schaffung der ersten hebräischen Wörterbücher. Jüdinnen und Juden lernten von den Araber*innen, die Sprache der heiligen Schrift in den Mittelpunkt zu stellen und sich dem Studium der Sprache der Tora zu widmen. Sie schrieben Grammatikbücher nach dem Format der arabischen Grammatikbücher und entlehnten Begriffe sowie grammatische und linguistische Formen aus dem Arabischen.

All dies beeinflusste wiederum die Sprache der hebräischen Dichtung und deren Blüte im mittelalterlichen Spanien.[3] Unter der Anleitung von Grammatikern und Poetik-Experten legten die hebräischen Dichter in Spanien die sprachlichen Standards für das Schreiben hebräischer Dichtung fest: eine reine Sprache, die ganz auf der biblischen Sprache basierte, und nicht in der freien, uneingeschränkten Form, in der vorher geschrieben wurde. Im Gegensatz dazu wurde Prosa (Belletristik und wissenschaftliche Literatur) auf Judäo-Arabisch geschrieben, da Hebräisch seit dem 2. Jahrhundert nicht mehr als Umgangssprache verwendet wurde und sich somit nicht so natürlich weiterentwickelt hatte, um allen Anforderungen der Prosa zu entsprechen.

Im muslimischen Spanien entstand so eine großartige, hoch entwickelte hebräische Dichtung, die zugleich der arabischen Dichtung sowohl in Bezug auf die Konzeption des Wesens der Poesie und dessen, was gute Poesie ausmacht, als auch in Form und Inhalt sehr ähnlich ist. Es lässt sich sogar sagen, dass alle Dichtung des goldenen Zeitalters im mittelalterlichen Spanien auf der Form und Metrik der klassischen arabischen Dichtung beruhte.

Arabisch ist auch die Sprache der Musik und des Gesangs der Juden und Jüdinnen in arabischen Ländern. Die klassische andalusische Musik, die von Juden und Jüdinnen in Marokko (und in ähnlicher Weise auch in Algerien und Tunesien) gesungen und gespielt wurde und die sich heute in Israel großer Beliebtheit erfreut, wurde ursprünglich in klassischem, hochsprachlichem Arabisch geschrieben. Zu den Melodien dieser Poesie verfassten Juden und Jüdinnen Gedichte und Pijjutim[4] in Hebräisch.

Darüber hinaus orientierten sich die meisten Pijjutim an der Metrik der arabischen Musik und Dichtung. Einige der Pijjutim wurden mit der „Matrouz“-Methode geschrieben, das heißt Hebräisch wurde in Arabisch eingefasst wie in einer sehr eleganten Stickerei – zum Beispiel in den großartigen Gedichten des Rabbiners Schalom Schabazi im Jemen oder die Pijjutim des Rabbiners David Buzaglo.

Die Juden in Andalusien waren wesentlich an der Schaffung der klassischen andalusischen Musik beteiligt und dafür bekannt, dass sie deren Melodien für die nachfolgenden Generationen bewahrt haben. Durch hebräische Pijjutim waren Juden in den nordafrikanischen Ländern (Maghreb) wegbereitend und führend in der modernen arabischen Populärmusik. Sie waren sehr angesehen und erfreuten sich großer Beliebtheit bei ihren muslimischen Mitmenschen. Das war auch in allen anderen arabischen Ländern so. In Ägypten und Irak gehörten Juden und Jüdinnen zur kulturellen und intellektuellen Elite. Sie waren Pionier*innen im Bereich der Musik, des Kinos und des Theaters. In diesem kurzen Artikel ist es unmöglich, alle herausragenden jüdischen Küstler*innen aufzulisten, aber Namen wie Dawood Hosni in Ägypten, die Brüder Saleh und Daoud al-Kuwaity im Irak, Salim Halili in Algerien und Samy Elmaghribi in Marokko wurden zum integralen Bestandteil der arabischen und der internationalen Kultur. Sie haben alle auf Arabisch geschrieben, komponiert und gesungen.

Die jüdischen Sängerinnen in den arabischen Ländern waren auch internationale Stars und ebneten populären muslimischen Sängerinnen und Schauspielerinnen den Weg auf die Bühne. Die berühmteste von ihnen war Leila Mourad in Ägypten. Daneben gab es Zohra Al-Fassiya in Marokko, Line Monty und Reinette l’Oranaise in Algerien, Habiba Msika in Tunesien und Salima Murad im Irak. Bis heute werden sie als Schlüsselfiguren in der nationalen populären Musik der arabischen Länder angesehen und ihre arabischen Lieder werden jetzt erneut von jungen Sängerinnen sowohl in arabischen Ländern als auch in Israel auf die Bühne gebracht.

 

 

Die Musikkultur der Juden und Jüdinnen in muslimischen Ländern wird an israelischen Universitäten so gut wie gar nicht erforscht, obwohl dieses Thema in letzter Zeit bei Kulturwissenschaftler*innen in Kanada, Marokko und den USA auf großes Interesse gestoßen ist. Die hebräische Wikipedia-Seite spiegelt diesen mangelhaften Forschungs- und Wissensstand recht akkurat wider, und mehr noch seine geschlechtsspezifischen Aspekte. Als ich vor etwa acht Jahren mit meinen Nachforschungen über die jüdischen Sängerinnen, die auf Arabisch sangen, begann, fand ich keine hebräischen Wikipedia-Einträge für diese großen Stars. All mein Wissen stammte aus arabischen, französischen und englischen Quellen. Heute gibt es einige hebräische Wikipedia-Einträge zu jüdischen Sänger*innen in arabischen Ländern, aber sie sind immer noch sehr lückenhaft. Auch fehlt es noch weitgehend an einer professionellen Übersetzung dieses reichhaltigen Repertoires jüdisch-arabischer Lieder.

 

Arabisch vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Aspekte

Der Status des Arabischen in der israelischen Gesellschaft hat einen unmittelbaren Einfluss auf den Status von Frauen, insbesondere von Mizrachi-Sängerinnen in Israel – nicht nur auf der Forschungsebene, sondern auch in praktischer und sozioökonomischer Hinsicht. Die in den Jahrzehnten nach der Staatsgründung vorherrschende Auffassung des Arabischen als Sprache des Feindes, die minderwertig ist, zerstörte die Karrieren jüdisch-arabischer Sängerinnen, die in den arabischen Ländern große internationale Stars gewesen waren. Sängerinnen, die nach Israel eingewandert waren, sangen fast gar nicht mehr und mussten mit einer schwierigen wirtschaftlichen Situation zurechtkommen sowie mit der Verachtung, der Mizrachi-Frauen in der israelischen Gesellschaft und Sängerinnen in ihren eigenen Mizrachi-Gemeinden ausgesetzt waren. Die Einzige, die in Israel weiterhin auf Arabisch sang, war Faiza Rushdie. Sie war jedoch in dem Mizrachi-Exklave des israelischen Rundfunkorchesters eingesperrt und wurde nicht als israelische Sängerin, sondern als „Araberin“ wahrgenommen.

Es ist wichtig hervorzuheben, dass die jüdischen Frauen im Jemen, in Marokko und in anderen arabischen Ländern traditionell auf Arabisch gesungen haben. Die meisten Frauen sangen im lokalen Dialekt, und ihre Lieder handelten von ihrem Alltagsleben oder von Ritualen, wie Hochzeiten, Bar-Mizwa-Feiern, Henna-Zeremonien, Trauer und anderem mehr. Die jüdischen Männer hingegen sangen die religiösen Gesänge auf Hebräisch. Die meisten Frauen konnten Hebräisch weder lesen noch schreiben und erhielten nicht den traditionellen jüdischen Grundschulunterricht im „Cheder“ (wörtlich: Zimmer). Andererseits beherrschten die Frauen den lokalen Dialekt sehr gut und kannten eine Unzahl von Sprichwörtern und volkstümlichen Geschichten, durch die sie kulturelle und pädagogischen Inhalte an ihre Kinder vermittelten.

Der oft kometenhafte Aufstieg jüdischer Sängerinnen in arabischen Ländern beruhte auf ihrer Kenntnis der arabischen Sprache und Musik, und dies war es auch, was sie von jüdischen oder lokalen kulturellen Heldinnen zu internationalen Stars werden ließ. Sie verloren ihren Status durch die Delegitimierung der arabischen Sprache und Kultur in Israel, und auch diejenigen von ihnen, die im Ausland blieben, spürten die Auswirkungen des israelischen Konflikts mit der arabischen Welt. Sie wurden in arabischen Ländern „verdächtig“. In Israel gingen viele der Mizrachi-Sängerinnen (vor allem Jemenitinnen) dazu über, auf Hebräisch im europäischen Stil zu singen, was jedoch ihre stimmlichen und musikalischen Fähigkeiten einschränkte und ihren Erfolg auf Israel begrenzte. Diejenigen, die in den 1980er und 1990er Jahren im Stil des mediterranen (hauptsächlich griechischen und türkischen) Pop sangen, wurden von der israelischen Gesellschaft und den Eliten verachtet und marginalisiert.

Die Erste, die daraus ausbrach, war Ofra Haza, als sie mit ihrer ursprünglichen kulturellen Tradition, nämlich mit Liedern von jemenitischen Frauen („Galbi“), nach Europa ging und dadurch in weiten Kreisen in Europa, Amerika und sogar im Jemen Bewunderung erntete und internationale Anerkennung erhielt. Nur außerhalb Israels konnte Haza „die Lieder des guten alten Landes Israel“[5] aufgeben und ihr Arabisch-Sein ebenso wie ihre traditionelle Verbundenheit mit dem Judentum zum Ausdruck bringen, wie zum Beispiel als sie den Pijjut „Im Ni’alu“ (Falls sich schließen) zu einem internationalen Hit machte. Die arabische Sprache und Musik waren es, die es ihr ermöglichten, ihre stimmlichen und musikalischen Fähigkeiten voll auszuschöpfen und von vielen Sängerinnen bewundert und zu deren Vorbild zu werden.

Haza hat den Weg für den heutigen internationalen Erfolg von Sängerinnen wie Achinoam Nini und die A-WA Schwestern geebnet, die die Kraft ihrer kulturellen Ressourcen, nämlich der arabischen Lieder von Frauen im Jemen, verstanden haben. Dies erklärt auch den nationalen und internationalen Erfolg von Sängerinnen wie Neta Elkayam, Rechela, Noa Ben-Shoshan und Sofi Tsedaka. Arabisch hat ihre internationale Karriere gefördert und ihnen neue Publikumskreise erschlossen. Diese Entwicklung hat natürlich auch Auswirkungen auf das, was in Israel passiert – und darauf, dass populäre Mizrachi-Sängerinnen dazu übergehen, auf Arabisch zu singen. Die harmonische Verbindung zum Arabischen, die es während des goldenen Zeitalters unter den Juden und Jüdinnen des Orients gab, hinterlässt somit auch heute noch ihre Spuren in der israelischen Kultur.

 

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Arabisch ein erstklassiges Forschungsinstrument zum Verständnis unserer jüdischen und hebräischen Geschichte ist. Arabisch ist nicht nur eine Sprache, sondern auch eine Denk- und Kulturform und definiert Identität. Da Arabisch eine sehr viel reichere Sprache als Hebräisch ist, minderte der Übergang zum zionistischen Hebräisch die Ausdrucksfähigkeit der Mizrachim sowie ihre Fähigkeit, ihren eigenen kulturellen Reichtum zu verstehen. Kenntnis des Arabischen und das Erlernen dieser Sprache in Schulen und Hochschulen sind unerlässlich für das Verständnis der Mizrachi-Kultur, die fast vollständig aus den offiziellen Lehrplänen des israelischen Schul- und Hochschulsystems verbannt wurde, sowie für die Schaffung eines Reservoirs an Wissenschaftler*innen, die sich mit der unterdrückten und ausgeschlossenen Geschichte der Mizrachim befassen. Arabischkenntnisse sind für das Ausbilden von kulturellen Helden und Heldinnen der Mizrachi-Kultur und für das Erzeugen eines positiven Images dieser Kultur von wesentlicher Bedeutung und wird das Selbstverständnis der Mizrachim stärken, die in Israel viele Jahre unter Missachtung gelitten haben.

Arabisch ist auch die Sprache der geografischen Region, in der sich Israel befindet, und die Mizrachim, die Arabisch sprechen, haben das Potenzial, bei Streitigkeiten und Konflikten mit unseren arabischen Nachbarn zu vermitteln.

 

Der Artikel ist zuerst in HaOkets am 6. Januar 2019 erschienen.

 

(Aus dem Hebräischen von Ursula Wokoeck Wollin)

 

Shira Ohayun ist Dichterin und Kulturwissenschaftlerin. Sie arbeitet im ‚Jerusalem-Orchester Ost und West‘.

 

 

Weiterführend Links

 

Anmerkungen

[1] Die Wiederbelebung des Hebräischen war eine Entwicklung, die in Europa und im historischen Palästina am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts begann, wodurch Hebräisch von einer Schrift- und Liturgiesprache, die hauptsächlich religiösen und literarischen Zwecken diente, in eine gesprochene, multisystemische, nationale Sprache verwandelt wurde. Nach den gängigen Definitionen war Hebräisch vor dieser Entwicklung keine „tote“ Sprache: Es war weitverbreitet und bereits vor der modernen Wiederbelebung gab es Entwicklungs- und Veränderungsprozesse. Dennoch ist diese moderne Entwicklung einzigartig und hat auch zu linguistischen Veränderungen in der Sprache geführt. Tatsächlich wurde dadurch eine neue linguistische Situation geschaffen, deren Charakteristika vom Hebräischen, in all seinen historischen Formen, sowie von den europäischen Sprachen geprägt wurden, in deren Kontext diese moderne Entwicklung stattfand, insbesondere vom Jiddischen (zum Teil auch vom talmudischen Aramäisch, vom Arabischen und von anderen Sprachen). Die neue Sprache ist das zeitgenössische israelische Hebräisch.

[2] Das hochsprachliche Arabisch (al-Fus’ha – اللغة العربية الفصحى) wird hauptsächlich als Schriftsprache und für die Kommunikation in der gesamten arabischen Welt verwendet und spielt im Leben aller Muslim*innen eine Schlüsselrolle, da es die Sprache des Korans ist. Daneben gibt es auch die gesprochene arabische Sprache (die im Osten der arabischen Welt al-Amiya – العامية; und im Westen al-Daridscha – الدارجة genannt wird), die viele Dialekte hat, die für rund 180 Millionen Menschen in Asien und Afrika die Muttersprachen sind. Arabisch ist in fast allen Ländern des Nahen Ostens (mit Ausnahme von Israel, Iran und der Türkei) und in Nordafrika Amtssprache. Und es ist auch eine der Amtssprachen der Vereinten Nationen.

[3] Im Mittelalter erlebte die jüdische Bevölkerung in Spanien unter muslimischer Herrschaft eine kulturelle Blütezeit. Diese Periode wird als „das goldene Zeitalter in Spanien“ bezeichnet.

[4] Jüdische liturgische Gesänge in Hebräisch, die in der nachbiblischen Zeit entstanden sind.

[5] Das heißt, dem Kanon im Rahmen des zionistisch-aschkenasisch geprägten Idealbilds des „Lands Israel“/historischen Palästinas. (Anm. d. Übers.)

 

 

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RLS Israel 18.04.2019

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